Der Hintergrund der Frage: In der Automobilindustrie erleben wir gerade häufiger die Figur eines Chief Creative Officer, der alles überblickt. Würden Sie sich mehr Kontrolle über diese Bereiche wünschen?
Designer neigen zur Besessenheit, wir wollen eigentlich immer die Kontrolle über alles. Aber funktional betrachtet, funktioniert das, was wir jetzt haben, sehr gut, gerade wegen der Vielfalt der Ergebnisse. Wir gedeihen eher in kreativem Chaos als unter einer einzelnen visionären Instanz. Wären wir alle auf eine Richtung festgelegt, wären wir vielleicht effizienter, aber weniger interessant.
Wie viel Gewicht trägt die Geschichte Ihrer Marke für die Modelle von heute und morgen? Oder andersherum: Wie viel Herkunft braucht Ihre Marke für ihre Zukunft?
Bei einer Traditionsmarke wie Royal Enfield ist die Geschichte immer präsent, sie ist für unsere Kundschaft die Garantie, dass wir da sind, da waren und da bleiben werden. Das heißt nicht, dass wir immer dasselbe tun, wir entwickeln uns weiter, aber vorsichtig, damit alles innerhalb der Familie bleibt.
Was soll jemand fühlen, wenn er ein neues Modell von Royal Enfield zum ersten Mal sieht?
Im Idealfall Verlangen, das ist das Ziel jedes Produkts: Man steht davor und denkt, das will ich haben. Bei Motorrädern beruht so vieles auf einer eigentlich unlogischen Leidenschaft, man braucht es nicht, man will es. Danach soll man das Gefühl eines soliden, hochwertigen Produkts bekommen, das einen sehr lange begleiten wird.
Sie haben die Custom-Szene früh als eine Art Trendlabor genutzt, noch bevor Sie zu Royal Enfield kamen. Was lernt eine Marke von Menschen, die ihre Produkte auseinandernehmen und neu zusammenbauen?
Wenn wir ein Motorrad entwickeln, haben wir eine Vorstellung davon, was das Produkt sein soll. Von Customizern bekommen wir dagegen eine Vorstellung davon, was daraus werden könnte. Sieht man viele Menschen dieselbe Veränderung vornehmen, denselben Auspuff, dieselbe Sitzhöhe, zeigt das, wie festgelegt dieser Wunsch ist, und das fließt in Serienentscheidungen und unser Zubehörprogramm ein. Der zweite Aspekt ist die reine Kreativität der professionellen Customizer: Sie erschaffen Einzelstücke. Das ist für uns im Design enorm inspirierend, weil es nicht theoretisch bleibt. Da sie sich über Serienfertigung keine Gedanken machen müssen, können sie in einer Freiheit agieren, die wir nicht haben. Für uns im Design ist das enorm inspirierend, man sieht etwas und denkt: Das können wir natürlich nicht eins zu eins übernehmen, aber wie könnten wir etwas davon in die Serie bringen?