Die Medienwissenschaftlerin Sabine Möller hat in ihrem Forschungsprojekt »Zeitgeschichte sehen« gezeigt, wie sehr sich unser Verständnis von Vergangenheit gewandelt hat: weg von der Idee einer objektiv feststehenden Historie, hin zur Erkenntnis, dass Geschichte immer ein »interaktiver Aneignungsvorgang« ist. Geschichte, ergänzt der Historiker Jörn Rüsen, ist keine Rezeption eines Vorgegebenen, sondern eine »Konstruktion der Gegenwart« – etwas, das jede Generation aktiv neu herstellt, statt es nur zu betrachten. Ein Museumsstück, das man nur ansieht, bleibt in dieser Logik tot: fixiert, erklärt, abgeschlossen. Ein Motorrad hingegen, das seinen Besitzer selbst zur eigenen Ausstellung trägt, verweigert genau diese Fixierung.
Genau darin liegt die Pointe des Nebeneinanders von Heritage Village und Augmented-Reality-Erfahrung, die in der Drohnen- und Feuerwerksshow am Samstagabend eine zweite, noch flüchtigere Leinwand fand. Hunderte Drohnen zeichneten dort ikonische Bilder aus hundert Jahren Ducati-Geschichte in die Nacht. Ein Rückspiegel aus Licht, der sich Sekunden später bereits wieder auflöste. Auch das ist Geschichtsaneignung im Sinne Möllers: nicht die dauerhafte Konservierung eines Bildes, sondern seine kurzzeitige, kollektiv geteilte Vergegenwärtigung. Parallel setzte die Veranstaltung auch im Digitalen neue Maßstäbe: mehr als zwei Millionen Seitenaufrufe, mehr als 20 Millionen Social-Media-Impressions, 700.000 Zuschauer beim Livestream des Lenovo Race of Champions, 220.000 FantaWDW-Sessions auf der offiziellen Ducati WebApp. Man kann das auch wie folgt sehen: Ein Jubiläum, das nur zurückblickt, würde sein eigenes Erbe verraten.