Herr Dobelli, brauchen wir in dieser hochkomplexen Welt, von der wir uns eher Antworten erwarten, noch weitere Fragen?
Wenn Sie an GPT oder Google denken – das sind alles Antwortmaschinen, aber keine Fragemaschinen. Es fehlt uns an Fragen, nicht an Antworten. Ich finde, Fragen sind wertvoller als Antworten.
Und warum?
Wenn man nur Bestehendes konsumiert, gehen keine Türen auf. Aber wenn man Fragen stellt, werden alternative Möglichkeiten sichtbar, die man sonst nicht sieht.
Sie mögen Fragebücher? Das ist jetzt das dritte.
Ja, das erste war »Wer bin ich?«, dann kamen »Fragen an das Leben«, das war eine Kolumne im »Stern« vor zehn Jahren. Die Fragen für das jetzige sammelte ich über die vergangenen zehn Jahre. Vielleicht gibt es in zehn Jahren wieder eines.
Was bewirken Fragen in uns selbst? Was passiert mit uns – jenseits der Antwort, die wir erwarten?
Das hängt davon ab, was für welche es sind. Es gibt ironische, sehr persönliche, Fragen, die man gar nicht beantworten kann. Aber sie machen etwas mit einem. Wenn ich Ihnen etwa die Frage stelle, ab welchem Betrag Sie bestechlich sind – ab 100 Euro, 1.000, 10.000, 100.000, einer Million, zehn Millionen, hundert Millionen oder einer Milliarde –, dann merkt man schnell: Irgendwo gibt es eine Grenze. Die ist bei jedem anders. Aber die Frage zwingt einen, sich einzugestehen, dass man bestechlich ist. Und allein dieses Eingeständnis verändert etwas im Denken.
Das heißt, Fragen werfen uns auf uns selbst zurück?
Das ist so. Oder wir hoffen zumindest, etwas über uns selbst zu erfahren. Vielleicht erfahren wir auch nichts, wenn wir nicht ehrlich antworten. Es gibt Fragen, die kann man auf zwei Arten behandeln: Man beantwortet sie für sich selbst oder man nutzt sie als Gesellschaftsspiel. 15 Minuten am Tisch, man stellt sich gegenseitig Fragen. Das ist natürlich etwas anderes, als wenn man sie allein beantwortet. Dann ist man oft ehrlicher mit sich. Ursprünglich waren Fragen tatsächlich ein Gesellschaftsspiel, in den Salons des 17. und 18. Jahrhunderts, vor allem in Paris und London. Dort stellte man sie, um sich kennenzulernen und um zu unterhalten. Meine Fragen sind eher persönlicher Natur gedacht, aber viele Menschen nutzen sie bewusst als Anlass für Gespräche.
Es ist also mehr als Small Talk.
Genau. Man redet nicht über das Wetter oder über Belangloses, sondern über etwas, das tiefer geht. Das verändert die Qualität eines Gesprächs sofort.