Ein schönes Beispiel ist Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits: sehr introvertiert, sehr menschenscheu, ganz in seiner Welt versunken – seine 355 Patente machten ihn so wohlhabend, dass er davon den Nobelpreis stiften konnte, »for the greatest benefit to humankind«.
Können Introvertierte auch rebellisch sein, obwohl sie nach außen nicht laut auftreten?
Absolut. Sie orientieren sich weniger am Mainstream, sind deutlich weniger anfällig für Gruppenzwang und damit autonom im ursprünglichen Wortsinn, also »sich selbst ein Gesetz«. Ich denke da an das berühmte Experiment des Psychologen Solomon Asch: Versuchspersonen wurde das Bild einer Linie gezeigt. Daraufhin sollten sie aus einer Auswahl von drei unterschiedlich langen Linien diejenige auswählen, die gleich lang ist. Solange sie die Aufgabe alleine lösen mussten, gelang ihnen das gut. Sollten sie die Zuordnung aber in einer Gruppe vornehmen, in der alle anderen Darsteller waren, die bewusst falsch antworteten, gaben auch die Versuchspersonen mehrheitlich die falsche Antwort. Wahrscheinlich hat sich durch den Gruppendruck sogar ihre tatsächliche Wahrnehmung verändert. Das zeigt: Schwarmintelligenz entsteht gar nicht so oft. Innenmenschen sind gegen diesen Gruppenzwang oft immuner, weil sie Gruppen häufiger meiden und lieber bei ihren eigenen Gedanken bleiben.
Könnte man sagen, beide Ihrer Bücher beschäftigen sich mit der Frage, wie man bei sich bleibt in einer Welt permanenter Erwartungen und Überreizung?
Genau. Im Grunde geht es darum, wie man sich in einer Welt, die einen ständig ablenkt, wieder Zugang zu sich selbst verschafft. Ich glaube, das ist das Hauptproblem unserer Zeit: Wir sind immer abgelenkt. Die Lösung ist, mehr allein zu sein – nicht dauernd, aber ab und zu – und sich dem ständigen Scrollen zu entziehen. Häufig denkt man: »Jetzt habe ich endlich Zeit für mich« und greift dann im nächsten Moment zum Smartphone. Gedanklich ist man dann doch wieder im Außen. Dieser Mechanismus ist auf Dauer nicht gut für uns.