ramp #64

Internationaler Tag der Müllabfuhr: Hier kommt Kurt, ohne Helm und ohne Gurt

Wir schreiben über fast alles, was rollt. Und so ein Müllwagen rollt ja auch. Also schickten wir einen von uns als Müllmann los. In Wien. Einen Tag lang.

Weil immer nur Porsche und Ferrari und Lamborghini fahren auch irgendwann fad wird.

  • Text
    Kurt Molzer
  • Fotos
    Oliver Gast

Uhrzeit: halb sechs in der Früh. Ort: Johannesgasse 9–13, Wiener Innenstadt. Ein vorgelagerter Flachbau im Innenhof eines in den Fünfzigerjahren errichteten Wohnhauses. Die sogenannte »Unterkunft« der Müllmänner für den ersten Bezirk. Stopp. Müllmänner sagt man nicht. Es heißt Müllaufleger. Weil sie die Mülltonnen an der Hebevorrichtung des Müllwagens auflegen. Stopp. Mülltonne sagt man auch nicht. Im Fachjargon heißt es Gefäße. Hätten wir das geklärt.

In der »Unterkunft« beginnt heute mein Arbeitstag. Ich stehe mit Andi, Christian und Sami im Umkleideraum. Ausgezogen bis auf die Unterhosen. Andi, 52, nicht sehr groß, vom Hals abwärts tätowiert. Christian, 57, Pferdeschwanz, drahtig wie James Bond. Sami, 32, finnische Eltern, in Wien aufgewachsen und Oberarme zum Bäumeausreißen. Ein Finne, der fröhlich wirkt und gern lacht – achtes Weltwunder.

Christian schaut mich an von oben bis unten. »Suppen-Kaspar, Tag vier«, sagt er. (Am fünften Tag war der Suppen-Kaspar aus dem »Struwwelpeter« bekanntlich tot. Abgemagert zum Strichmännchen. Sage einer, die Müllaufleger wären nicht belesen.) Ich wehre mich gegen die Kränkung. Regelmäßig würde ich Kraftsport machen, unter freiem Himmel beim Donaukanal, aneinem eigens dafür errichteten Stahlgerüst – sogenannte Calisthenics-Übungen, das Wort komme aus dem Griechischen: Kallos für »schön«, Sthenos für »Stärke«. Ich spanne den Oberkörper an: »Schaut’s her, meine Brustmuskulatur ist gar nicht schlecht.« Sie lachen sich kaputt, Andi sagt: »Er nennt es Muskulatur. Er meint es ernst.«

Andi fragt mich, wie viele Liegestütze ich schaffen würde. Als er angefangen habe bei der Müllabfuhr, 29 Jahre sei das her, musste er beim Gesundheitscheck auf den Fahrradergometer – und dann eben Liegestütze vorführen. Mein Rekord, antworte ich, liege bei fünfzig. Schallendes Gelächter, keiner glaubt das. »Zeig her!«, fordert Christian mich auf. Ich gehe in Position. Hände auf den Boden, schulterbreit voneinander entfernt. Kopf in einer Linie mit dem Körper. Gespannte Ruhe. Ich drücke mich ganz locker zwanzig Mal hoch. Dreißig Mal (würde jetzt gern ihre Gesichter sehen). Vierzig Mal. Ich höre ein »Hey!«. Dann wird’s zäh. Als hätte ich einen Rucksack voller Steine auf dem Rücken. Nach der sechsundvierzigsten Wiederholung breche ich keuchend mit hochrotem Schädel ein und liege in meiner blau-weiß karierten Boxershorts da wie ein aus dem Hinterhalt Erschossener. »Heast, super!« Sie haben mich akzeptiert. Auf den Fahrradergometer und Liegestütze vorführen müssen die angehenden Müllaufleger übrigens auch heute noch. Lungenfunktionstest und Körperzusammensetzungsmessung sind ebenfalls obligatorisch. Stellt sich heraus, dass der Fettanteil zu hoch ist, raten sie dir zu einem anderen Job – warum nicht Fleischhauer?

Ich will, dass die anderen sagen: »Kurtl, Du wärst ein supergeiler Müllaufleger.« Der Journalismus hat nämlich keine Zukunft

Die Arbeitskleidung in Grell-Orange sitzt perfekt. Auf der Jacke, in Brusthöhe und geschwungener Handschrift wie ein Markenlogo: »Die 48er« – die Nummer der für die Stadtreinigung zuständigen Magistratsabteilung. Längst werden die Wiener Müllaufleger umgangssprachlich so genannt. Sie, die »48er« (Einstiegsgehalt: 2.800 Euro brutto), sind die Helden der österreichischen Hauptstadt, befreien die Zwei-Millionen-Metropole tagtäglich von mehr als 100.000 Tonnen Dreck. Ohne sie würden die Ratten regieren (nicht zu vergessen bitteschön die fleißigen Straßenkehrer!). Dass Wien immer wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt wird (von der britischen »Economist«-Gruppe bis hin zum US-Beratungsunternehmen Mercer), ist auch ihnen zu verdanken. Letztes Jahr wurden die »48er« gar mit dem »Wiener Tourismuspreis 2023« ausgezeichnet. Weil die Sauberkeit der Stadt der am häufigsten genannte Punkt in internationalen Reiseforen ist. Sagen wir’s doch gleich: Wien hat die beste Müllabfuhr der Welt!

Aber wie bin ich nur hierher...

→ Die ganze Geschichte lest ihr jetzt in ramp #64

Kurt Molzer

Kurt Molzer

Freier Autor & Kolumnist
Eigentlich hatte der Wiener Kurt Molzer den schnellen Autos abgeschworen. Aber irgendwie hat ihn unser Chefredakteur dann doch wieder zur Vernunft gebracht – und seither ist er wieder wie zu den Anfangszeiten mit spitzer Feder und herrlicher Selbstironie regelmäßig in ramp zu Gast. Ganz früher arbeitete er jahrelang als Chefreporter für Bild und Bunte sowie als Chefredakteur für Penthouse und als Starkolumnist bei der Zeitschrift GQ. Irgendwann ließ er das alles einfach sein und fuhr stattdessen Taxi in Wien – nicht ohne auch darüber geistreich zu schreiben. Was er jetzt – zum Glück – auch wieder für ramp macht.
ramp #64 Da schau her!

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