Das größere Spiel
Deutschland spielt gerade den Fußball, der erstaunlich gut zu seiner Stimmung passt. Ein Land voller Können. Voller Erfahrung. Voller Möglichkeiten. Aber auch bevorzugt verbiestert, reihum kompliziert – und voller Zweifel.
Seit Jahren zeigen Umfragen, dass die Deutschen pessimistischer auf ihre Zukunft blicken als viele Nachbarn, deren wirtschaftliche oder politische Lage objektiv schwieriger ist. Das Ausland betrachtet Deutschland oft mit aufrichtiger Verwunderung. Es sieht Ingenieurskunst, Wissenschaft, starke Unternehmen, Kultur, Ideen. Die Deutschen selbst sehen erstaunlich häufig zuerst das, was noch nicht funktioniert.
Was fehlt, lässt sich schwer verordnen. Aber vielleicht sind es genau jene drei Dinge, die man an diesem Abend auf dem Rasen so deutlich vermisste.
Freude. Nicht die oberflächliche gute Laune, sondern die tiefe Überzeugung, dass es sich lohnt, sich mit ganzer Kraft einzubringen. Gesellschaften, in denen diese Überzeugung herrscht – die skandinavischen Demokratien etwa – sind nicht zufällig auch die innovativsten. Freude ist der Nährboden, auf dem Mut, Experimentierfreude und eine konstruktive Fehlerkultur erst wachsen können. Wo Zynismus regiert, wächst nichts Neues.
Selbstverständnis. Das unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Werte. Eine Spitzenmannschaft, die ein Gegentor kassiert, bricht nicht auseinander. Sie agiert besonnen, fokussiert auf ihre Stärken, orientiert sich intuitiv neu. Gesellschaften funktionieren genauso – wenn sie ein klares Bild davon haben, wer sie sind und was sie können. Deutschland hat dieses Bild. Es schaut nur gerade zu selten hin.
Beseeltheit. Das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein. Dass es nicht nur um mich geht, sondern um uns. Die Ecuadorianer hatten das. Man sah es nicht nur in der Körperlichkeit und den Sprints. Man sah es, wenn nach einem Fehler keine Köpfe sanken, sondern Hände sich hoben. Wo dieser Gemeinsinn fehlt, bleibt eine Ansammlung von Einzelnen, die gut können – aber kein Ganzes, das brennt.