Sonntagmorgen, kurz nach sieben. Die Straße ist leer, die Nachbarn schlafen, das Handy liegt im Flur. Kein Verkehr, keine Nachrichten, kein Gerede. Endlich nichts. Das ist ungefähr drei Minuten lang herrlich. Dann fängt der Kühlschrank an zu brummen, im Ohr summt etwas, und dem Kopf fällt ein, dass das Strategiepapier für den Kunden längst raus sein sollte. Was auch daran liegen könnte, dass es noch gar nicht geschrieben ist. Sobald es draußen still wird, geht es drinnen gerne erst richtig los.
Das wusste bereits der französische Philosoph Blaise Pascal. Der stellte im 17. Jahrhundert fest, das ganze Unglück der Menschen rühre daher, dass sie nicht untätig in einem Zimmer bleiben könnten. Gut, das ist vielleicht etwas übertrieben. Andererseits kannte Pascal weder TikTok noch WhatsApp-Gruppen mit 37 ungelesenen Nachrichten.
EINMAL STROMSCHLAG, BITTE!
Wie wenig wir mit uns selbst anzufangen wissen, untersuchte 2014 ein Forscherteam um den Psychologen Timothy Wilson an der University of Virginia. Die Versuchspersonen sollten sechs bis fünfzehn Minuten allein in einem Raum verbringen. Ohne Smartphone, Musik, Buch oder sonstige Ablenkung. Einfach dasitzen und denken.
Was zunächst nach einer erstaunlich günstigen Wellness-Anwendung klingt, fanden viele Teilnehmende sehr unangenehm. In einem besonders hübschen Experiment durften sie sich sogar selbst einen leichten Stromschlag verpassen. Und obwohl sie zuvor erklärt hatten, lieber Geld zu bezahlen, als noch einmal einen Schlag abzubekommen, drückten 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen mindestens einmal den Knopf.
Der Mensch hat Millionen Jahre Evolution hinter sich gebracht, das Feuer entdeckt, Flugzeuge gebaut und das Internet erfunden. Aber ein paar Minuten allein mit seinen Gedanken? Da lieber Strom.
Fairerweise muss man sagen, dass die Versuchsanordnung auch Neugier geweckt haben könnte. Vielleicht wollten manche einfach wissen, ob der Knopf tatsächlich funktioniert. Ein Knopf, den man nicht drücken soll, ist für viele Männer schließlich eine Einladung. Trotzdem zeigt die Studie, wie schwer es uns fällt, ohne äußere Beschäftigung auszukommen.