Ihre Patienten bleiben während des Eingriffs bei Bewusstsein.
Richtig, das bedeutet, dass ich mitbekomme, wie dieses physische Gewebe den Geist eines Menschen hervorbringt. Man blickt nicht einfach auf Zellen, hier wird biologische Mechanik zu Emotion, Sehnsucht und Gedanken. Diese Nähe löst alles Abstrakte auf. Und Begehren ist kein ätherisches Gefühl, sondern ein physischer, lebendiger Funke, der in unserer Anatomie steckt.
Wie definieren Sie Verlangen; wie Sehnsucht?
Wünsche, Süchte, stille Hoffnungen und starke Zwänge – all das fällt für mich unter den Begriff »Desire«. Ich schreibe das Wort im Englischen bewusst mit großem D, damit deutlich wird: Es geht nicht bloß um Lust oder darum, etwas haben zu wollen. Dieses Begehren ist unsere Lebenskraft, ohne sie sind wir wie Treibholz, das von den Wellen ans Ufer gespült wird. Durch das Begehren gewinnen wir die Fähigkeit, selbst zu handeln. Sehnsucht ist wiederum für mich ein Begehren, das sich über die Zeit erstreckt: das schmerzliche Summen desselben Motors, wenn das Objekt unseres Begehrens weit entfernt oder unerfüllt bleibt – oder nur noch als kostbare Erinnerung existiert.
Und wo im Gehirn sitzt es?
Nicht an einem einzelnen Ort. Die drei Schaltkreise reichen weit und tief, vom Bereich hinter dem Mund bis hinter die Stirn. Stellen Sie sich drei riesige Baumkronen vor, die nebeneinander gewachsen sind. Die Stämme lassen sich voneinander unterscheiden. Aber die Äste sind so dicht miteinander verflochten, dass niemand mehr sagen kann, wo der eine Baum endet und der nächste beginnt.
Sie sprechen von einem neurologischen Ursprung für das gesamte Spektrum des Wollens. Unterscheidet das Gehirn also gar nicht zwischen Sehnsucht und, sagen wir, Appetit auf etwas?
Ihre Frage trifft den Kern. Wenn wir von »Appetit« sprechen, meinen wir meist Essen. Biologisch betrachtet bildet Appetit jedoch den grundlegenden Motor allen Wollens. Die Schaltkreise des Begehrens erzeugen jede Form von Appetit: den rastlosen Hunger nach mehr ebenso wie das messerscharfe Verlangen nach einem einzigen Ziel. Das kann ein warmes Schokoladencroissant sein, ein Porsche 911 oder innerer Frieden. Die Sprache, die Poesie und Philosophie differenzieren all diese Nuancen. Sie unterscheiden eine feine Sehnsucht von einem körperlichen Verlangen. Doch darunter liegt derselbe gemeinsame neurologische Ursprung: die Schaltkreise des Begehrens.
Wenn wir schon bei Sprache sind: Wörter wie »Sehnsucht« und »Vorfreude« gelten als nahezu unübersetzbar.
Es sind wunderbare Begriffe, und sobald man versucht, sie zu übersetzen, scheinen sie einem zu entgleiten. Nicht weil uns die Gefühle fremd wären. Sehnsucht und Vorfreude beschreiben den schwer fassbaren Bereich menschlicher Erfahrung, in dem auch Instinkte, Vorahnungen, Déjà-vus und Auren liegen. Und ja, sie besitzen eine sehr reale Signatur, die sich in einer Region befindet, deren Aufgabe darin besteht, die konkurrierenden Anforderungen der drei Schaltkreise zusammenzuführen und die innere Kakofonie in eine erlebte Erfahrung von Geist und Körper zu übersetzen: der Insula, der Inselrinde. Sie bildet gewissermaßen die Nabe, an der alle Speichen zusammenlaufen.