Normandie, 7. Juli 1908. Sechs Uhr früh, 48 Wagen gehen im Minutenabstand auf die Strecke, so zeitig, dass auch die Langsamsten das Ziel noch bei Tageslicht erreichen. Vor ihnen liegen zehn Runden, jede ist knapp 77 Kilometer lang, insgesamt 769,889 Kilometer: Kopfsteinpflaster, Schotter, aufgewirbelter Teerstaub, der in Augen und Lungen brennt. Kein Sonntagsausflug. Nach dem Rennen müssen sämtliche Fahrer und Mechaniker ihre Augen behandeln lassen, einem Fahrer schlägt ein hochgeschleuderter Stein ins Auge; er fährt halb blind weiter, bis auf Platz zwei. Der Wagen von Henri Cissac verliert einen Reifen, überschlägt sich. Es ist der erste tödliche Unfall der Grand Prix-Geschichte: Cissac stirbt zusammen mit seinem Mechaniker Jules Schaube, der neben ihm sitzt. Sicherheit hat noch keine Abteilung. Fahrer und Mechaniker sind damals keine getrennten Welten. Eine Zeit, in der Fahren, Schrauben und Erfinden noch zusammengehören. Wer schnell sein will, muss seine Maschine auch verstehen.
Für die Franzosen steht einiges auf dem Spiel. 1906 hatte noch Renault gewonnen, 1907 schon Fiat. Und jetzt das. Zunächst sieht es nach einem munteren Hin und Her aus: Willy Pöge zieht früh davon, sein Mercedes Kollege Otto Salzer dreht mit verwegenen 126,5 km/h die schnellste Runde, dazwischen schiebt sich kurz ein französischer Brasier nach vorn. Doch in der fünften von zehn Runden übernimmt der Mercedes von Christian Lautenschlager die Führung und gibt sie nicht mehr ab. 22 Reifen verschleißt er dabei, zehn Mal hält er an, an der Box wie am Straßenrand, und rollt nach knapp sieben Stunden mit einem Schnitt von 111,1 km/h als Erster über die Linie, fast neun Minuten vor dem Zweiten, einem Benz. Dritter: noch ein Benz. Von den sieben bestplatzierten Wagen trägt ein einziger ein französisches Signet, die anderen sechs kommen aus Deutschland. Der Schock sitzt tief. Im Jahr darauf finden sich nicht mehr genügend Automobilhersteller für den Grand Prix. Drei Jahre lang ruht das Rennen.