ramp #64

Ah, schau: der Supersupersupertest in Wien

Ein Supersupersupertest in Wien mit zwei auffälligen Autos, für die sich niemand interessierte. Auf der Suche danach, was die Magie der Stadt ausmacht und was Schimpfen, Schmäh und Schwermut wirklich bedeuten. Natürlich gab es keine Antwort – oder nur eine sehr wienerische.

  • Text
    Wladimir Kaminer
  • Fotos
    Oliver Gast

»Grüß Gott, herzlich willkommen und glaub ja nicht, Du bist in Deutschland, der Schein trügt«, sagte mein Freund in Wien zu mir, als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal hierherkam. »Auch die Sprache ist hier eine ganz andere, trau Deinen Ohren nicht, auch wenn Du denkst, Du hörst Deutsch und würdest alles verstehen«, meinte er und drückte mir gleich ein Österreichisch-­Deutsch-Wörterbuch in die Hand. In diesem Wörterbuch stand, dass man in Österreich zum Beispiel zu einem Stuhl »Sessel« sagt und ein Kühlschrank »Eiskasten« genannt wird. Der Meerrettich heißt hier »Kren« und einen Sarg nennt man »Holzpyjama«. Diesen typisch österreichischen Wortschatz habe ich schnell auswendig gelernt – das Wörterbuch war nicht besonders dick –, und trotzdem gab es Verständigungsprobleme in den Gesprächen mit Einheimischen.

Diese Verständigungsprobleme hatten aber nichts mit dem Wortschatz zu tun. Die Österreicher sind kompliziert, sie sagen oft nicht das, was sie denken, und meinen nicht das, was sie sagen. Und wenn sie einen herzlich grüßen, weiß man nicht, ob es vom Herzen kommt oder ob es der berühmte Wiener Schmäh ist. Auf jeden Fall wollen die Wiener gefallen, der gängige Witz, den mir meine Wiener Freunde erzählten, lautete: Ein hässlicher Mann kriegt alle schönen Frauen rum – und niemand versteht, wieso. Mit der Frage konfrontiert, antwortet der hässliche Mann: »Grüßen musst Du sie, herzlich grüßen.« Wien kann gut grüßen. Es ist immer eine festliche Stimmung, ein geselliges Durcheinander, als würden sich die Einheimischen gerade auf einen Karneval vorbereiten, bald würde es losgehen, sie könnten sich bloß noch nicht entscheiden, welches Kostüm sie anziehen sollen. Wenn man in der Stadt unterwegs ist, kann man die Sehenswürdigkeiten von den normalen Häusern kaum unterscheiden. Alles in dieser Stadt ist eine Sehenswürdigkeit, jeder Wiener und jede Imbissbude, die auf österreichisch »Würstlstand« heißt. In fast jedem dieser Würstlstände wird neben Würsten auch Champagner angeboten, vielleicht hat jemand Lust, an der Straßenbahnhaltestelle im Schnee Champagner zu trinken, so denken die Wiener, diese Angeber!

»Auf unserer Erkundungstour wurden wir von zwei seltenen Autos begleitet, einem Ford Bronco und einem Range Rover. Große, kräftige Fahrzeuge, die in jeder anderen Stadt auffallen würden, aber nicht in Wien.«
Wladimir Kaminer
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Auch ihr Humor ist von besonders morbider Art, ein diskreter Charme der Bourgeoisie, mit der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Jammern auf hohem Niveau gehört hier zum Alltag. An jeder Ecke ist ein Kaffeehaus, das von innen wie ein Theater ausschaut, vor einer prächtigen Kulisse trinken dort Menschen Melange oder Verlängerten und spielen Karten. Oft findet man daneben tatsächlich ein Theater, das wie ein Kaffeehaus aussieht. Viele meiner Kollegen von früher, deutsche Schauspieler aus München und Berlin, sind nach Wien umgesiedelt, ich kann sie gut verstehen. Für Theatermenschen ist Wien ein Paradies, denn alles ist hier Theater, alles scheint unecht. Nachdem das große Reich der k.u.k.-Monarchie auseinandergefallen war, versuchten die Österreicher angestrengt, ihre postimperialistischen Ambitionen in den Kultur- und Freizeitbereich zu verlagern: Die beste Oper der Welt wollten sie haben, die besten Philharmoniker, den prachtvollsten Opernball und die beste Fußballmannschaft Europas. 

Sie waren in ihrem Vorhaben durchaus erfolgreich, mit Ausnahme des Fußballs vielleicht. Und so sind zwei Österreichs entstanden, die eine friedliche Koexistenz miteinander führen. Das eine ist ein kleines, gemütliches Land auf der Karte, ein Würstchen mitten in Europa, mit Weinbergen und ausgeprägter sozialer Marktwirtschaft, auf Platz 11 beim Bruttoinlandsprodukt. Das andere Österreich ist groß und mächtig, die Wiege des guten Geschmacks und der feinen Cuisine, stilgebend für den Rest des Planeten. In diesem zweiten Österreich finden die meisten Einwohner ihre wahre Heimat wieder. Seit Langem haben wir mit Michael, dem Chefredakteur der besten Automobilzeitschrift der Welt, davon geträumt, unseren Super­supersupertest im Ausland durchzuführen. Wir testen nicht nur Autos, wir testen uns. Jahr für Jahr gehen wir der Frage nach, ob es in dieser wackelnden und flimmernden Welt einen Platz für Luxus gibt und was man wirklich braucht, um ein erfülltes, spannendes Leben zu führen.

»Die Österreicher sind kompliziert, sie sagen oft nicht das, was sie denken, und meinen nicht das, was sie sagen.«
Wladimir Kaminer

Was stößt uns ab, was macht uns glücklich – und warum? Sehr gut könnte man darüber nachdenken in Wien, wo aus allen Kontinenten zugereiste Touristenschwärme das Schicke und Schöne des untergegangenen Reiches bewundern, ununterbrochen Selfies mit Pferden knipsen und am Würstlstand in der Kälte Schlange stehen, um Schampus mit Würstl, wie man auf Österreichisch sagt, zu ergattern. Also beschlossen wir, nach Wien zu fliegen.

Auf unserer Erkundungstour wurden wir von zwei seltenen Autos begleitet, einem Ford Bronco und einem Range Rover, einem amerikanischen und einem englischen Auto. Große, kräftige Fahrzeuge, die in jeder anderen Stadt auffallen würden, aber nicht in Wien. In Zeiten des Kalten Krieges war Wien die Hauptstadt der Spione, die Briten, die Amerikaner und die Russen spielten hier miteinander hinterhältige Spielchen, sie betrieben ihre geheime Kaffeehaus-Diplomatie, bis der Sozialismus unter der Last seiner eigenen Bedeutungsschwere ausrutschte und dessen Spione sich zu Businessmen umschulen lassen mussten. Leider nicht alle, der eine ist später Präsident in Russland geworden. Ich glaube nicht, dass die damaligen Spione solche auffälligen Fahrzeuge fuhren, außerdem kann man die Wiener mit Autos nicht beeindrucken, sie sind an alles gewöhnt, ich jedoch hatte das Gefühl, unsere Fahrzeuge würden uns ausspionieren. Dabei hatten wir nichts zu verbergen, unsere Ziele waren transparent.

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Wir wollten die Magie dieser Stadt verstehen, mehrmals wurde Wien per Abstimmung zur lebenswertesten Stadt gewählt, obwohl die Wiener über ihre Stadt permanent schimpfen. Das eine schließt hier das andere nicht aus. Gleichzeitig glücklich und unzufrieden sein, wie kommt so etwas zustande – und wer durfte bei der Abstimmung überhaupt mitmachen? Wurden die chinesischen Touristen gefragt oder die ehemaligen russischen Spione, die hiergeblieben sind? Die russische Sprache war in Wien auf jeden Fall an jeder Ecke zu hören, gleich bei meiner Anreise im Hotel erkundigte sich ein schnurrbärtiger Landsmann an der Rezeption, ob er seine vierstellige Rechnung in bar bezahlen könne. Der Rezeptionist wunderte sich kein bisschen und bejahte die Frage. In Wien ist alles möglich. In einer kleinen American Bar im 1. Bezirk hatten wir uns zu einem Geheimgespräch mit einheimischen Freunden verabredet, Franz Sauer, David Staretz und Kurt Molzer, Autoren und Journalisten, die sich gut mit der Wiener Lebensphilosophie auskennen. Die Freunde sollten uns aufklären, was das Besondere an Wien und dem österreichischen Lebensentwurf sei.

(...)

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