Cars

Reality Sucks, Supercars Rule

Die Zeit am Steuer eines McLaren Artura – das ist totale Kontemplation und zeitenthobener Momentenflow in kurvenkratzender Widerborste.

  • Text
    David Staretz
  • Fotos
    Matthias Mederer · ramp.pictures

Diese Art, wie man unter die Flanke greift, wo haben wir das schon gehabt? Bei Pferden tastet man nach, ob der Sattelgurt fest genug sitzt. Dann strömt so ein Flankenschauer über das Fell, wie eine Böe im Weizenfeld. Macht man beim McLaren Artura alles richtig (ist man also im Besitz des Remote-­Control-Key), so federt die Scissor-Door nahezu schwerelos hoch, dezent unterstützt vom Hydraulikelement. Als hätte man sie nicht angehoben, nur begleitet wie ein Zauberer seine Schwebende Jungfrau. Eine samten trockene Wunderwelt tut sich auf, diffiziles Bergwerk für Slim Shadys, verheißungsvolles Boudoir der Geschwindigkeit und der Geborgenheit ­gleichermaßen.

Artura, ein Kunstname. Art, Futur, Natur oder gar gendergerecht »die Bärenstarke« (keltisch), who cares.

Immer noch besser als kalte Zahlen.

Rechtes Bein gestreckt voran, der körperliche Rest schraubt sich automatisch nach und geht zu Boden, so muss der Hochsprung-Revolutionär Dick Fosbury seine unkonventionelle Sprungtechnik entwickelt haben, sinniert man in herausfordernder Unkenntnis der Weltlage. Manchmal liebt man es, einfach Unsinn zu denken, straighten, unkohärenten Nonsens, der nicht einmal besonders witzig oder kühn sein muss, nur so ein klotziges Aufbegehren gegen den Moment, gegen tätowierte Hausfrauenarme, fritz-kola oder E-Zigaretten. Man fühlt sich einen Moment lang losgelöst vom klebrigen Dasein. Freilich ist er zu kurz, zu bedeutungslos, um etwas daraus zu machen.

An dieser Stelle setzt hilfreich ein: das Fahrerlebnis Supercar. Der Supersportwagen als Lebensverstärker. Dose in Höchstdosierung. Die tragfeste Widerborste. Totale Kontemplation und zeitenthobener Momentenflow. Die Fahrbahn im Zoom, direkt konsumiert, einfließend wie ein Registerband, deine Körperlage wie im Harley-Chopper, als leaned back noch eine Philosophie war oder wenigstens eine Haltung. Genau so: eingeschmolzen in die Form, in den Speed, die Arme gestreckt nach vorn, knochentrocken von Lenkreif zu Kurve, von Kurve zu Lenkreif, Schläge ins Gebälk, Klangwelten erster und zweiter Ordnung, Regen bläst perlend die Scheibe hoch, die Gischt eines Sommergewitters, und verlässlich geht der Wagen voran, tröstlich umfangend, all Systems go und das bin ich im Supersportwagen, in der Mitte der Ordnungen, konzentriert und gelassen, keine Erwartung steiler als der Radius der nächsten Kurve.

Supercars, um ein grundsätzliches Missverständnis auszuräumen, müssen nicht ununterbrochen schnell, riskant und am Rande des Führerscheinentzuges bewegt werden. Sie besitzen Qualitäten der Ästhetik, künden von Robustheit, Orientiertheit und Kompromisslosigkeit, die schon beim stehenden Auto einsetzen. Allein die Flyline des Artura, sie liegt nahe an der Perfektion. Mit seinen freien C-Streben ­erinnert er an den Maserati Bora, besser noch: Merak SS. Die Luftreusen, lefzenartig, dennoch dezent. Immer eine Träne im Augenwinkel. Ausgewogen wie eingeschmolzen, hat sich der Body über die großen Räder gesenkt, so tief hinab wie möglich. Auf spielerische Art korreliert der Wagen mit der ­Fahrbahnoberfläche, das beherrschen nicht viele Konkurrenten so gut.
Eine samten trockene Wunderwelt tut sich auf, diffiziles Bergwerk für Slim Shadys, verheißungsvolles Boudoir der Geschwindigkeit und der Geborgenheit gleichermaßen.

Klare Sichtbarkeit der Hauptanzeigen (drei brillante Modus-Grafiken!), schneller Zugriff auf die beiden Wippen zur modalen Verstellung von Fahrwerk und Antriebs-Charakteristik, zum Ausschalten von ESC und Aktivieren des manuellen Schaltmodus. Vor allem aber: Das Lenkrad ist völlig freigeräumt von unwürdigen Nebenaufgaben und dient nur dem Zugriff auf die Vorderachse. Deren Präzision, unterstützt vom elektrohydraulischen Servo, gehört zum Allerbesten, was einem rennsportnahen Supercar passieren kann. Sitz, Antriebsstrang, Vorderachse, darauf konzentriert sich das Vergnügen. Die radfüllenden Karbonkeramikbremsen, vorne mit sechs, hinten mit vier Kolben samt Prefill-Technik ausgestattet, sorgen für das Grundsatzgefühl, wie wir es schon im Gallardo schätzten: »Wenn es brenzlig wird, bleibe ich einfach stehen.« Dafür werden sie bei Regen dann und wann durchgewischt per Leichtandruck der Pads.

Der Elektromodus, wie erwähnt, ist leider allzu früh fertig. (Eine Stunde 11-kW-Laden für 30 Kilometer Reichweite oder vier Stunden an 220 Volt.) Seine stille Eleganz ist betörend beim Losfahren (Nachbarn!) oder zwecks ( … )

→ Den ganzen Text lesen Sie in der neuen ramp #62 »Wild Things«.

David Staretz

David Staretz

Freier Autor
Der Wiener Autor ist ein kinetisches Wunder. Nicht nur, dass er jedwedem Luxus- oder Sportgefährt mit geübter Hand und fahrenderweise seine Geheimnisse entlocken kann, die er hernach wohlfeil zu Papier bringt. Auch ist der ehemalige Chefredakteur der Autorevue regelmäßig fotografierend als Reisereporter unterwegs, und für die Zeit dazwischen hat er um die Jahrtausendwende begonnen, wundersame kinetische Kunstwerke für sein Kontor Staretz zur Belustigung der Passanten zu bauen. Daneben findet er auch noch Zeit, hin und wieder ein Buch zu publizieren – sofern er nicht gerade mal wieder für ramp im Einsatz ist.
ramp #62 Wild Things

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