Racing

Petit Le Mans – eine amerikanische Liebesgeschichte

Sie nennen es Petit Le Mans. Seit 25 Jahren bildet dieses Rennen den krönenden Abschluss der US-amerikanischen Langstreckenweltmeisterschaft, mittlerweile IMSA WeatherTech genannt. Und das in einem Land, in dem ansonsten nichts klein oder niedlich ist. Wieso das?

  • Text & Bilder
    Matthias Mederer · ramp.pictures

Big Apple, Big Mac, Big Dreams – Sie merken schon in welchen Dimensionen der gemeine US-Amerikaner für gewöhnlich denkt. Wie also kann es sein, dass das wichtigste Rennen der Langstreckenmeisterschaft Petit Le Mans, kleines Le Mans, genannt wird? Wir reden schließlich von einem Land, in dem selbst der Coffee-To-Go-Becher mehr Volumen hat als ein europäischer Kleinwagen Hubraum?

Naheliegender Gedanke: es ist Selbstironie. Wobei das schwer zu glauben ist, im Land of Hope and Glory.

Immerhin rückt schon die Landung auf dem Hartsfield-Jackson Atlanta International Airport die Dinge wieder ins rechte Lot: fast 100 Millionen Fluggäste im Jahr 2022, das ist weltweiter Rekord. Vom internationalen Terminal zum Inlands-Terminal fährt ein Bus, die Fahrt dauert 20 Minuten. Rund 2.000 Hektar Fläche nimmt der Flughafen insgesamt in Anspruch. Ja, das sind jede Menge Fußballfelder. In diesen Dimensionen geht es weiter. Auf acht-, zehn- oder auch zwölfspurigen Hauptverkehrsschlagadern geht es über Atlanta Richtung Rennstrecke. Ein Porsche Cayenne, das größte Fahrzeug, das Porsche aktuell im Portfolio führt, erinnert zwischen Riesentrucks, Ford Raptor und Chevi Apache an einen schnellen, leichten und agilen Sportwagen. Richtig, der Kerngedanke eines jeden Porsche. Passt also irgendwie.

Im Vergleich zu Le Mans, wo in diesem Jahr über 300.000 Besucher an einem Ort zusammen gekommen sind, der für eine Gemeinde von 150.000 Menschen ausgelegt ist, hält sich das Chaos in angenehm überschaubaren Grenzen. Ein bisschen Stau auf der – ja auch das gibt es: einspurigen Landstraße – und dann liegt sie vor einem, schmiegt sich wie eine Decke auf die hügelige Landschaft im sehr grünen und Laubbewaldeten US-Bundesstaat Georgia.

Insgesamt 4,088 Kilometer Strecke, zwölf Kurven. Beim »großen Bruder« in Frankreich ist alleine die permanente Rennstrecke 4,419 Kilometer lang. Beim 24-Stunden Klassiker kommen dann noch 9,207 Kilometer öffentliche Straßen hinzu. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass es sich in den USA lediglich um eine Zehn-Stunden-Herausforderung handelt, lässt sich das »petit« nachvollziehbar erklären.

Beim »großen Bruder« in Frankreich ist alleine die permanente Rennstrecke 4,419 Kilometer lang. Beim 24-Stunden Klassiker kommen dann noch 9,207 Kilometer öffentliche Straßen hinzu.

Das erklärt das »petit«, es erklärt aber nicht, weshalb sich gerade die Amerikaner an einem europäischen Rennsport-Klassiker bei der Namensgebung bedienen. Sie hätten es ja auch Atlanta’s Greatest nennen können. Oder irgendetwas anderes, ähnlich Bescheidenes. Aber nein, es musste Le Mans sein. Und der Grund liegt einige Jahre zurück und zeigt, dass Petit Le Mans seit vielen Jahren mehr als nur das Finale der IMSA-Serie bildet. Der mittlerweile verstorbene amerikanische Rennsport-Enthusiast Don Panoz verliebte sich – aus welchen Gründen auch immer – in Frankreich und so ziemlich alles, was damit zu tun hatte. Das muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein. Hauptberuflich verdiente er sein Geld damals mit dem Verkauf von Nikotin-Pflastern. Aber er wollte mehr. 

Also begann er Wein anzubauen. Das reichte ihm nicht. Er schickte seine Panoz Esperante GTR-1 zum 24-Stunden-Rennen nach Le Mans. Das reichte ihm auch noch nicht. Er wollte sein eigenes Le Mans Rennen. Also sicherte er sich beim Le Mans Veranstalter ACO (Automobile Club de l’Quest) die entsprechenden Rechte für ein Petit Le Mans in den USA. 1998 fand das erste Rennen statt. Es war direkt ein Erfolg. Doch das reichte Panoz noch immer nicht. Er dachte schließlich amerikanisch. Also gründete er seine eigene Rennserie, die American Le Mans Series. Damit lockte er über die Jahre die großen Hersteller mit ihren Prototypen in die USA. Mittlerweile gilt das Rennen als echter Klassiker und als der finale Höhepunkt der IMSA-Serie. Der Langstrecken-Motorsport wäre in der Form wie er heute in den USA praktiziert wird, ohne Petit Le Mans und die Liebe Panoz zu Frankreich nicht denkbar.

Das Publikum ist bunt wie Amerika: ein bisschen Hollywood, ein bisschen New York City und ganz viel Mittlerer Westen. Einer bringt auf einem Schlepper ein respektables Boot mit. Von dort oben haben er und seine Freunde einen prächtigen Blick auf die Strecke. Andere parken mit einem Motorhome in den Dimensionen einer Drei-Zimmer-Wohnung direkt hinter den Leitplanken der Rennstrecke. Im Schatten hängen zwei bis drei Monitore: auf einem läuft Baseball, auf einem anderen Basketball und dann natürlich das Rennen, live. Barbecue-Wetter ist ohnehin das ganze Wochenende.

Getreu dem alten Fußball-Kalauer: »Die Wahrheit liegt auf dem Platz!«, zählt aber natürlich auch im Rennsport vor allem die Aktion im Rennen. Und da braucht sich Petit Le Mans nun wirklich nicht vor dem prominenten Namenpaten verstecken. Sehr zum Leidwesen von Porsche Penske Motorsport. Schon nach gut einer Stunde krachte es zwischen dem führenden Porsche 963 mit Nick Tandy am Steuer und zwei Konkurrenten. Unverschuldet muss der LMDh mit dem Transporter in die Box. Es dauert eine Stunde, bis der Wagen wieder auf die Strecke kann, dann landet er aber erneut nach einem Kontakt in den Barrieren – das endgültige Aus.

Porsche Motorsport fuhr dieses Jahr sowohl in der WEC als auch in der IMSA nicht mit einem reinen Werksteam, sondern gemeinsam mit Penske Motorsport. Das ist das Privatteam von Roger Penske, der im Motorsport in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in Nordamerika eine Erfolgsstory geschrieben hat, wie ganz wenige. Darüber hinaus hat er etwas geschafft, was in Big America wohl einem Marketing-Wunder gleichkommen dürfte. Mitte der 2000er Jahre hat er hier den smart zu einem Erfolg gemacht. Richtig gelesen: den smart! Es muss sie also irgendwo geben in diesem riesigen Land, die heimliche Liebe für die kleinen Dinge.

Dass gerade die IMSA-Serie darüber hinaus in der Vergangenheit noch ganz große Stories geliefert hat, darüber schreibt unser Kolumnist Kurt Molzer in der aktuellen rampstyle No. 30 – Blue Skies.

Matthias Mederer

Matthias Mederer

Redakteur & Fotograf
Ein Auto. Eine Kamera. Einen Fahrer. Die Location? Gerne eine Stadt wie New York, Kapstadt, Berlin oder Tokio. Wenn obendrein noch ein Taifun durchzieht, sind die Rahmenbedingungen nahezu ideal. Matthias Mederer flucht dann zwar wie ein schlecht erzogener Bare-Nuckle-Fighter, liefert aber auch. Pflicht und Kür. Sein Stil: cineastisch. »Im Grunde geht es bei mir zu, wie in einem harmlosen Tarantino-Film: guter Soundtrack, ein paar verrückte Dialoge und mit ein paar kleinen Tricks prägt am Ende vor allem die Story.« Nun ja, und schreiben kann er auch mehr als beachtlich.
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