Nur konsequent

Stefan Dabruck gehört zu den erfolgreichsten Musikproduzenten und Künstlermanagern der Welt. Genau deswegen sind wir mit ihm aus der Stadt heraus und in die Stille gefahren.
  • Text
    Nadine Hanfstein
  • Fotos
    Oliver Gast

Gleich zu Beginn, wenn man mit Stefan Dabruck in den CUPRA ­Formentor VZ5 steigt und losfährt, wird klar: Der macht nicht einfach Musik. Der heute ­47-Jährige hat Speditionskaufmann gelernt, wusste danach genau, was er nicht machen will – und heute gehört er mit über 650 Gold-, Platin-, und Diamant-Auszeich­nungen zu den erfolgreichsten Musik-Produzenten und Künstlermanagern weltweit. Er hat die Branche durch seine Zielstrebigkeit und seinen Willen auf den Kopf gestellt, vor allem aber durch seine ganz andere Art zu denken. In Frankfurt hat er zuletzt die CUPRA Music Labs eröffnet, weil es ihm wichtig ist, dass seine ­Heimatstadt Frankfurt im Musikbereich wieder einen Stellenwert hat, wie er sagt. Dort haben wir ihn allerdings nicht besucht, stattdessen ­fuhren wir mit ihm aus der Stadt heraus in die Stille der Natur.

Das Motto dieses Heftes ist »Geht’s noch?« Was fällt Ihnen dazu spontan ein?

Ich habe tatsächlich mal ein Techno-Lied von einem Frankfurter Künstler mit diesem Titel gesignt, das sehr erfolgreich war. (lacht)

Aber hat es auch mal jemand zu Ihnen gesagt?

Sagen wir so, wenn ich für jedes »Geht’s noch?« oder »Das geht nicht!«, das jemand zu mir sagte, einen Euro bekommen hätte, hätte ich heute ein echtes Raumschiff auf dem Dach. (Anm. d. Red.: Stefan Dabruck hat gerade ein riesiges Raumschiff-Modell bestellt, das auf den CUPRA Music Labs thronen wird.)

Sie sind dafür bekannt, Ihren sehr eigenen Weg zu gehen. Stößt man damit an Grenzen?

Viele Sachen, die ich gemacht habe, sind daraus entstanden, dass ich nicht weiterkam. Ich vergleiche das immer damit, dass man sich unter einer Tür durchgraben muss, wenn man nicht hindurchkommt. Dass ich ein Büro in Nashville eröffnete, lag zum Beispiel daran, dass wir in Deutschland keine internationalen Topwriter bekamen. Es begann damit, dass ich Robin Schulz entdeckte, wir hatten 2014 mit »Waves« einen Zufallstreffer – und das war ein Singer-Songwriter-Song. Ich überlegte dann lange, wie wir an die neuen Songs kommen, und erstellte eine Liste, welcher Song wo entstanden ist. Auf dieser Liste waren 2005 acht Lieder aus meinem Genre, und alle kamen aus Nashville. Daraufhin flog ich nach Nashville und ging dort buchstäblich von Tür zu Tür, wobei ich mit zwei Nummer-eins-Hits und einer Nummer zwei in England auch eine gute Eintrittskarte besaß. Ich besuchte dort die wichtigen Schreiber, Nathan Chapman, der die ersten sieben Taylor-Swift-Alben produziert hatte, oder Tommy Lee James, den ich auch später gemanagt habe. Zu allen sagte ich: »Guten Tag, Dabruck hier. Ich würde gerne mit euch arbeiten.« So habe ich meine Verbindungen geknüpft, die ich heute habe.

»Das ist ein typisches Beispiel, wie ich denke. Ich möchte nicht unbedingt anecken oder alles komplett anders machen. Ich denke halt groß. «
Stefan Dabruck
Aber die Stefan Dabruck-Erfolgsformel wird nicht nur dadurch definiert, dass Sie groß denken. Sondern auch durch die Analyse und durch Fleißarbeit.

Das Wort »Besessenheit« ist sehr negativ behaftet, aber im Endeffekt bin ich besessen davon, Musik zu machen, es macht mich auch wirklich glücklich. Es gab in der Vergangenheit viele Momente, die durch private Entbehrungen geprägt waren und in denen ich darüber nachdachte, warum man diesen Job macht. Genauso gab es aber die Momente, in denen man feststellte, etwas mit Musik geschaffen zu haben. Und da geht es gar nicht um den Erfolg. Der ist natürlich auch wichtig, ein Sportler will ja auch gewinnen. Aber der Weg dahin ist das Wichtige, dieser Entstehungsprozess, wenn man Musik auf den Tisch bekommt, sie fünfzig Mal hört und weiß, dass es ein Hit wird. Das ist viel geiler, als hinterher Platin dafür zu bekommen.

»Das Wort ›Besessenheit‹ ist sehr negativ behaftet, aber im Endeffekt bin ich besessen davon, Musik zu machen, es macht mich auch wirklich glücklich.«
Stefan Dabruck
Wir haben heute Spotify, YouTube oder TikTok, also Verbreitungskanäle, die die Musikbranche massiv veränderten. Wie schafft man es bei so vielen Medien, einen Hit zu landen?

Ich beantworte die Frage mal so: Spotify ist eine Tech-Firma. Die hat selber überhaupt keine Musik. Dass die so groß werden konnte, lag daran, dass die Plattenfirmen nicht auf die Idee kamen, Musik zu streamen. Natürlich gibt es viele Faktoren, die sich in den letzten Jahren geändert haben, zurzeit ist Spotify das Riesending, oder TikTok. Aber beim Musikschreiben kann ich mir keine Gedanken darüber machen, ob irgendein Kid irgendwo dazu tanzt. Ich bin 47 Jahre alt, also ganz weit weg vom Tanzen (lacht), aber auch von TikTok. Das verstehe ich ja gar nicht mehr. Als Instagram groß war, fragten die Leute, die in den Plattenfirmen entscheiden, wer einen Vertrag bekommt, wie viel Follower jemand auf Instagram oder Facebook hat. Aber am Ende hatte kein Influencer einen Hit. Weil es keinen interessierte. Das ist das Schöne bei uns: Am Ende des Tages ist ein Hit ein Hit. Wenn du einen Song hast, den die Leute gut finden, kannst du im fernsten Land in einem Kinderzimmer auf einem Atari-Keyboard von 1984 einen Hit schreiben. Im vergangenen Jahr war einer der größten Hits weltweit ­Imanbek mit »Roses«, ein Remix mit einer Milliarde Streams. Der kommt aus dem tiefsten Kasachstan. Es sind nicht immer nur die Großen, die gewinnen. Kann natürlich auch schnell wieder vorbei sein, für einen zweiten oder dritten Hit braucht man wieder einen Willen. Wie David Guetta, der immer weitermacht und nicht aufhört. Wissen Sie was? David Guetta hat jetzt auch noch einen Waschbrettbauch gekriegt, während Corona. Ich meinte neulich zu ihm: »Du bist ein super Typ, aber dafür hasse ich dich!« (lacht) Ja, der will es einfach wissen.

Haben die erfolgreichen Stücke, die Sie mitverantwortet haben, eine Gemeinsamkeit?

Sagen wir so, ich bin jemand, der sehr melodienverliebt ist. Den französischen Musiker HUGEL habe ich vor sieben Jahren auf einer Kreuzung bei einer Dance-Messe getroffen, in Amsterdam. Der spielte mir ein Lied vor und ich sagte: »Okay, alles klar. Geh nach Hause, Du kriegst einen Plattenvertrag.« Sechs Jahre ist da nichts gelaufen, und dann ist er auf einmal riesengroß geworden. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, an Leute zu glauben.

Was hat sich aus Ihrer Perspektive in der Musikbranche verändert – abgesehen davon, dass es nicht nur die Großen sind, die gewinnen können?

Es gab natürlich immer schon ich nenne sie mal »lucky punches«, aber die Wege haben sich verändert. Wobei das Medium wie gesagt egal ist. Ich finde es viel wichtiger, jungen Leuten eine Chance zu geben – und wenn jemand Talent hat, dann entscheidet man sich auch für den langen Weg, und wenn es zehn Jahre dauert, bis man Erfolg hat. Ein David Guetta hatte auch erst mit Ende Dreißig seinen großen Durchbruch, das ist sehr, sehr spät. Und er hatte schon 15 Jahre Musik gemacht. Das sehen die Leute aber nicht.

»Sowohl Automobildesigner als auch Musik-Produzenten haben Richtlinien, und innerhalb dieses festen Rahmens können sie frei gestalten.«
Stefan Dabruck
Durch wen entsteht das Neue, durch die jungen Wilden oder erfahrene Experten?

Durch die Mischung. Das ist das Tolle bei uns im Dance, dass du als Produzent immer up to date sein musst, und immer wieder etwas Neues kommt – so kann man wiederum als Produzent international mithalten. Wenn du Rockmusiker bist, kannst du immer das Gleiche machen, zwanzig Jahre lang. Ohne Rockmusik diffamieren zu wollen. Das Gleiche gilt für Schlager, der klingt noch immer nach Casio-Achtziger-Synthesizer oder Bontempi-Heimorgel.

Wo erleben Sie Neues?

Ich hatte in meinem Leben so drei oder vier Aha-Erlebnisse. Das erste Mal, als ich Musik von Swedish House Mafia hörte. Genauer gesagt von Steve Angello. Der war damals etwa zwanzig Jahre alt, wohnte zu Hause und produzierte in der Küche der Mutter mit Sebastian Ingrosso Musik. Jungs, die es acht oder zehn Jahre später schafften, den Madison Square Garden drei Mal hintereinander zu ­füllen. Die verkauften insgesamt 1,2 Millionen Tickets, mehr als Madonna. Das ist ein Moment, an den ich mich gerne erinnere und denke: »Alles ist möglich!« Oder als ich Sam Martin traf, der hat ganz viele Welthits geschrieben, unter anderem »Daylight« für Maroon 5. Er erzählte mir seine Story, und die war auch nicht nur durch Erfolge geprägt. Oder Scott Borchetta, der Manager von Taylor Swift. Es sind Personen, die mich inspirieren. Ich habe mich immer gefragt, was diese ganz großen Leute anders machen als ich, und merkte: Da ist nichts anders. Das gab mir sehr viel Selbstbewusstsein. Eigentlich gibt es nur einen, von dem ich denke, dass er über das Wasser laufen kann: Max Martin. Der kommt aus Schweden, hat in den Neunzigern die Backstreet Boys produziert und heute The Weeknd. Er ist der erfolgreichste Produzent aller Zeiten. Das ist jemand, von dem ich sage, okay, alles klar, da wirst du nie hingelangen.

»Viele Sachen, die ich gemacht habe, sind daraus entstanden, dass ich nicht weiterkam. Ich vergleiche das immer damit, dass man sich unter einer Tür durchgraben muss, wenn man nicht hindurchkommt.«
Stefan Dabruck
Also macht er etwas anders?

Nein, der sitzt nicht den ganzen Tag am Klavier und schreibt Hits, aber er hat bestimmt 15 Produzenten herausgebracht, die sind unter seinen Fittichen groß geworden. Und das ist ein Vorbild, ich produziere jetzt Produzenten.

Sprechen wir über Autos. Ist der Prozess, ein Fahrzeug zu designen, mit dem des Musikmachens vergleichbar?

Erstaunlicherweise ja. Ich hatte das Glück, mich mit Automobildesignern genau darüber zu unterhalten. Und die erzählten, dass die Gedankengänge beim Schaffensprozess ähnlich sind. Sie müssen sich auch an Richtlinien halten, so wie ich. Ich kann nicht komplett ausbrechen und irgendwelchen wilden Free Jazz machen. Also, kann ich schon, aber es ist nicht das, was ich will. Du musst schon deiner Linie treu bleiben, du hast natürlich auch Fans. Coldplay beispielsweise hat einen Sound entwickelt, wenn die anfangen zu spielen, gibt es eine immer gleiche Ästhetik, aber es ist zugleich irgendwie modern. Das heißt, sowohl Musiker und Produzenten als auch Automobildesigner haben Rahmenbedingungen, und innerhalb dieses Rahmens können wir frei gestalten. Eine andere Parallele: Du denkst in Schritten voraus, bist immer deiner Zeit voraus. 2022 ist für mich schon lange erledigt. Ich weiß schon, was die nächsten vier Singles von welchen Artists sind. Sicherlich kann man Sachen kopieren, das funktioniert auch ab und zu mal. Aber du wirst nie vorne sein.

Welcher Song ist der VZ5 für Sie persönlich?

Kann ich ein bisschen Werbung machen? Das ist die neue Single von Robin Schulz und David Guetta, die Ende April rauskommt: »On Repeat«.

CUPRA Formentor VZ5

  • Motor
    Reihenfünfzylinder-Turbo
  • Hubraum
    2.480 ccm
  • Leistung
    390 PS (287 kW) bei 5.700–7.000  U/min
  • Drehmoment
    480 Nm bei 2.250–5.700 U/min
  • 0–100 km/h
    ca. 4,2 s
  • Vmax
    250 km/h
CUPRA Formentor VZ5 2.5 TSI 287 kW (390 PS) DSG: (Kraftstoffverbrauch Benzin, kombiniert: 9,3 l/100 km; CO₂-Emissionen, kombiniert: 212 g/km; CO₂-Effizienzklasse: F)
Nadine Hanfstein

Nadine Hanfstein

Seit Stunde Null dabei, entwickelt »Dini« das Heft bis heute mit und weiter. Immer mit Neugier auf der Suche danach, was die guten Jungs gerade spannend finden – und sie natürlich auch. Übrigens nicht nur am Konferenztisch, sondern auch gerne mal auf einer Royal Enfield im Himalaya oder mit einem Porsche 911 auf der Rennstrecke.
ramp #57 Geht’s noch?

ramp #57 Geht’s noch?

Wer sich für logisches Denken als perfektes Erkenntnisinstrument begeistert, sollte dieses Heft lieber gleich zur Seite legen. Das Leben begegnet uns nämlich leider nicht bedingungslos folgerichtig. Eher fröhlich wild. Macht aber nichts.

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