Bei den meisten beginnt die Unzufriedenheit in der Pubertät. Eines Tages wacht der Mensch auf, schaut in den Spiegel, fühlt sich unglücklich, schaut sich um und findet die Welt unvollkommen, im Sommer unerträglich heiß, im Winter schlecht geheizt. Also glaubt er, die Welt sei an seinem persönlichen Unglück schuld und beginnt, an der Welt herumzubasteln, soweit es ihm möglich ist. Nach einer Weile stellt er jedoch fest, es hat sich nicht viel verändert, die Welt ist geblieben, wie sie war, im Sommer unerträglich heiß, im Winter schlecht geheizt. Dann richtet unser Unglücksmensch seinen Blick nach innen, er glaubt, möglicherweise liegt die Ursache seines Unglücklichseins in ihm selbst. Am 1. Januar, gleich nach Silvester, beginnt er ein ganz neues Leben, setzt auf Selbstoptimierung, macht Yoga, strebt eine Karriere an und wird reich. Er lernt die Sprache der Finanzmärkte und sieht sich als einen wertvollen Leistungsträger, der seine Lebensenergie in Projekte investiert. Und er isst keine Tiere mehr, und wenn doch, dann nur glücklich verstorbene.
Die Zeit vergeht, er möchte die Errungenschaften seiner gelungenen Selbstoptimierung aufzählen und findet sich da, wo er schon immer war, trotz seiner Disziplin und trotz des schwer verdienten Geldes ist er der Gleiche geblieben. Also schließt der Mensch, wenn er klug handelt, einen Kompromiss. Ich werde die Welt wahrscheinlich nicht ändern, sagt der Mensch, und mich selbst kann ich auch nicht neu erfinden, selbst wenn ich mich weitere zwanzig Jahre auf der Yogamatte hin und her biege. Also, folgender Vorschlag: Ich akzeptiere die Welt, wie sie ist, und die Welt nimmt mich so wahr, wie ich bin. Ist zwar voll ungerecht, aber ist okay – fair enough.
→ Den gesamten Text von Wladimir Kaminer lesen Sie in ramp #70 – Fair Enough!