Die Japaner wussten das lange bevor Psychologen begannen, über kognitive Verzerrungen zu schreiben. Sie entwickelten daraus sogar eine eigene Ästhetik. Wabi-Sabi nennt sie sich. Im Kern geht es um die Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Gelebten. Um die Erkenntnis, dass Zeit keine Beschädigung ist, sondern eine Form von Bedeutung. Der Riss in einer Keramikschale wird dabei nicht als Makel betrachtet. Die Falte im Gesicht gilt nicht automatisch als Problem. Und der Kratzer auf einer Uhr besitzt häufig mehr Charakter als ihre makellose Oberfläche am Tag des Kaufs.
Besonders schön zeigt sich dieser Gedanke in der Kunst des Kintsugi. Zerbrochene Keramik wird nicht möglichst unsichtbar repariert. Die Bruchstellen werden mit Gold hervorgehoben. Die Verletzung verschwindet nicht. Sie bleibt sichtbar und wird Teil der Geschichte. Aus einem Schaden entsteht etwas Neues. Nicht trotz seiner Bruchstelle, sondern gemeinsam mit ihr.
Ein erstaunlich radikaler Gedanke.
Vor allem für eine Kultur, die ganze Industrien darauf aufgebaut hat, Menschen von permanenter Optimierung zu überzeugen. Wir kaufen Cremes gegen das Alter, Apps gegen Unsicherheit, Versicherungen gegen Eventualitäten und Datensicherungen für Datensicherungen. Mitunter entsteht der Eindruck, als versuche die Menschheit mit beträchtlichem Aufwand, jede Spur des Lebens aus dem Leben zu entfernen.
Nehmen wir eine Uhr. Nicht die Uhr im Safe. Nicht jene Uhr, die gemeinsam mit Garantiekarte, Hangtags und Luftpolsterfolie altert. Gemeint ist die Uhr am Handgelenk. Die Uhr mit den kleinen Kratzern auf der Schließe, den feinen Spuren am Gehäuse und dem Band, das über die Jahre die Form seines Besitzers angenommen hat. Sammler sprechen dann gerne von Gebrauchsspuren. Das Leben spricht eher von Biografie.