Life & Style

Jochen Rindt: Live fast die young

Am 5. September 1970 verlor Österreich einen Nationalhelden: Jochen Rindt, der 1965 in Le Mans siegte und posthum zum Formel 1-Weltmeister gekürt wurde, verunglückte im Training tödlich. Heute wäre er 82 Jahre alt geworden. Erinnerungen an einen besonderen Menschen und Rennfahrer.

  • Text
    Dr. Erich Glavitza
  • Fotos
    McKlein Publishing

Die Sechziger waren eine einzige Vollgasfahrt: »Live fast – die young!« Mick Jagger brüllte »I can’t get no satisfaction!«, wer scherte sich da um die lauwarmen Lyrics der Beatles: »Will you still feed me – when I’m sixtyfour«. Damals wollte niemand vierundsechzig werden, am Stock gehen oder – Stichwort »losing my hair« – kahl werden, hatte man doch eben erst die schulterlangen Mähnen erfunden. Die Sechziger waren ein Jahrzehnt des Dagegenseins – ja, man hatte manchmal den Eindruck, dass die jungen Wilden sogar gegen das Dagegensein waren.

Und in dieser Ära, in der Jimi Hendrix ablehnte, für den in seinen Augen zu konservativen Rock ’n’ Roller Little Richard Bass zu spielen, weigerte sich ein junger Mainzer, das Rennsportestablishment zu respektieren, rotzte sich mit einem wohlgebrauchten Cooper-Formel-Junior-Rennwagen im italienischen Cesenatico durch das ganze Feld und siegte … Für die Chronik: An der Spitze hatte es einen schweren Unfall gegeben, die Ambulanz war mit Blaulicht und Folgetonhorn unterwegs … der zornige junge Mann fuhr einfach mit Vollgas durch das Chaos, überholte sogar die Ambulanz und gewann. »I hob de ned g’sehng.« (Zu Deutsch: Ich hab die nicht gesehen). Warum ihm damals nicht die Lizenz auf Lebenszeit genommen wurde, weiß niemand mehr so genau. Heute wäre er dafür auf ewig in die sibirischen Sümpfe zum Holzhacken verbannt worden.

… der zornige junge Mann fuhr mit Vollgas durch das Chaos, überholte sogar die Ambulanz und gewann.

Kurt Ahrens, damals schon einer der schnellsten Deutschen, fragte seinen Wiener Spezi Curd Bardi-Barry: »Sag mal, wer ist denn der Verrückte?« Barry, nobler Spross aus dem Wiener Geldadel und Playboy Numero uno, antwortete knapp: »Ein depperter Steirer.«

Das war jedoch nur die halbe Wahrheit: Karl-Jochen Rindt war und blieb bis zu seinem frühen Ende 1970 deutscher Staatsbürger – wiewohl das die Österreicher nicht so gerne hören.

Als Rindt Mitte der Sechziger immer erfolgreicher wurde, hatten ihn die rührigen Alpenländler rasch zu einem der ihren gemacht. »Unser Jochen« titelte fortan der Boulevard begeistert, als der Mann mit der merkwürdigen Nase die internationale Rennelite aufmischte.

Karl-Jochen Rindt war im April 1942 in Mainz auf die Welt gekommen – Vater Karl Ludwig Rindt, Besitzer einer etablierten Gewürzmühle in Mainz, Mutter Ilse Martinowitz, eine ausgesprochen hübsche und lebenslustige Grazerin (Landeshauptstadt des Bundeslandes Steiermark). Warum der dumme Streit über seine Herkunft? Karl-Jochens Eltern kamen 1943 bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben. Er blieb bei seinen Großeltern in Graz, bis er nach mühevollen Jahren das Abitur schaffte. Sein Großvater Dr. RA Martinowitz war in Graz ein höchst angesehener Jurist mit einer gut gehenden Anwaltskanzlei – und rettete mit einem »Trick« die Mainzer Mühle für seinen Enkel als Alleinerbe: Zwei Mal im Jahr fuhr er mit Klein-Karl-Jochen nach Mainz, der griff mit seinen Händchen ins Mahlgut, sagte brav »Ja, ja« – damit war die Mindestaktivität als Erbe erfüllt und die Tante hatte das Nachsehen.

Als Rindt für den kostspieligen Schritt seiner Karriere als Rennfahrer Geld benötigte, verkaufte er in Sekundenschnelle den Betrieb samt Grundstück und investierte das Geld in einen Brabham Formel 2 samt Transporter. Von den Hörsälen der Wirtschafts-Universität wusste er nicht mal die Adresse – fortan trieb er sich nur noch auf Rennstrecken oder Partys »auf Hasenjagd« herum. Der verzweifelte Großvater wandte sich unter Tränen an Jochens Halbbruder Uwe (aus Ilses erster Ehe), weil er mit dem »Mistbraten« nicht mehr fertig wurde. Er starb noch vor dem rasenden Aufstieg seines Enkelsohns in die Rennweltklasse.

Karl-Jochens Karriere glich einem Song der Rolling Stones. Rotzfrech, lümmelhaft und sich um keine Normen scherend, jagte er wie ein tollwütiger Komet durchs Leben. Freunde hatte er keine – wiewohl halb Österreich sich nach seinem Ableben als »einziger wahrer Freund« bezeichnete. Jochen hielt alle »at armlength« von sich – außer sie waren ihm und seiner Karriere dienlich. Da konnte er plötzlich »scheißfreundlich« sein, wie man in Wien sagt.

Wien hatte er immer gehasst. Das lag allein daran, dass er vor seinen Siegen dort immer abfällig als »G’scherter« (Mann der Provinz) bezeichnet wurde – und der Wiener Geldadel ihn nicht mal verachtet hatte. Aber mit den Erfolgen mutierte er schneller zu »unserem Wiener«, als sich die Siege bis in die einsamen Bergtäler durchgesprochen hatten, sogar zu »unserem Österreicher«. So was geht im Alpenland schnell.

Die Frage, warum er trotz überschäumenden Fahrtalents nicht schon früher Weltmeister wurde und vor allem 1968 das Ende seiner Profikarriere plötzlich absehbar war, hatte vielerlei Gründe: Erstens: seine sture Abneigung, sich mit Technik und den physikalischen Grundlagen der Fahrdynamik zu beschäftigen. Zweitens: seine jahrelange Weigerung, Mechaniker und deren Arbeit als wichtigen Bestandteil für Erfolge zu akzeptieren. Ron Dennis, einst sein Mechaniker unter Cooper und Brabham, ätzt über Rindt noch heute: »arrogant asshole.«

Jochen war ein Rebell, wie damals die meisten der »rasenden Vierziger-Generation«. Vielleicht hätte er sich heutzutage doch der komplexen Technik rezenter Rennwagen untergeordnet. Aber das luschenhafte Geseier der heutigen Rennfahrer wäre ihm mehr als nur auf den Keks gegangen. Als Rebell hätte er nicht nur einmal das Mikrofon der zumeist dumm fragenden Reporter brüsk mit der Hand weggestoßen – und wenn dann die aufgedonnerte Marketingtante eines Sponsors ihn zu Gehorsam gemahnt hätte, wäre er sicher explodiert, hätte ihr gesagt, sie solle sich ihre Produkte sonstwohin stecken, und hätte sie einfach stehen gelassen, ohne sich umzudrehen.

Wahr ist allerdings auch, dass es das Schicksal einiger wichtiger Protagonisten des Beat-Jahrzehnts war, ohne sich umzudrehen in die Ewigkeit zu fahren: Jimi Hendrix erstickte am Erbrochenen, Janis Joplin starb an einer Überdosis in einem Hotel in Port Arthur/Texas – und Jochen Rindt verunfallte beim Training am 5. September in Monza, die rechte vordere Bremswelle hatte während einer Aufwärmrunde vor der Parabolica-Kurve nachgegeben.

»Unser Jochen« titelte der Boulevard begeistert, als der Mann mit der merkwürdigen Nase die internationale Rennelite aufmischte.

Schon vierundzwanzig Stunden später war alles vergessen und zwanzig Rennwagen rasten in Monza um den Grand Prix von Italien. Als Clay Regazzoni ( … )

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ramp #50 Fünf Punkt Null

ramp #50 Fünf Punkt Null

Nach der Fünf machen wir einfach einen Punkt und setzen die Angelegenheit wieder auf null. Neugierig geworden? Prima! War Absicht. Und hat auch einen handfesten Grund: Wir feiern dieses Mal die 50. Ausgabe, wie immer gut gelaunt und hoffentlich auch anregend.

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