Life & Style

Hunger auf mehr: Udo Kier in Hollywood

Da sich die Berlinale aktuell nicht gerade mit Ruhm bekleckert, schauen wir dann lieber mal nach Hollywood – und bei Filmikone Udo Kier vorbei. Vor dreißig Jahren ging der Kölner nach Hollywood, spielte in Blockbustern und Arthouse-Filmen mit, arbeitete mit Warhol, Fassbinder oder Schlingensief.

  • Text
    Wiebke Brauer
  • Fotos
    Misha Gravenor

»Na, ich arbeite halt gern.« Das sagte Udo Kier auf die Frage, ob sein Erfolg eine Frage von Disziplin wäre. Das ist sicherlich die Untertreibung des Jahrhunderts, wenn man bedenkt, dass der heute 78-Jährige ungefähr 250 Filme gedreht hat, so genau weiß man es nicht. 50 gute waren dabei, wie Kier öfter mal sagte. Der einzige deutsche Star in Hollywood, der seit über fünf Jahrzehnten mit nahezu allen großen Regisseuren gedreht hat – mit Wim Wenders und Werner Herzog genauso wie mit Gus Van Sant, Lars von Trier und Quentin Tarantino. Und er bat nie einen Regisseur um eine Rolle, wie er betont. Sind die Filmemacher berühmt, muss man ihnen ja nicht erst sagen, dass man mit ihnen arbeiten möchte. Das würde Udo Kier albern finden. Seine Methode ist eine andere.

»Je älter ich werde, desto besser suche ich mir die Rollen aus. Es geht darum, ob ich in einer Rolle etwas hinterlassen kann. Einen Eindruck.« Das sagte er der »NZZ« einmal im Interview – und es bringt Udo Kier ziemlich gut auf den Punkt. Für diesen Mann ist nichts schlimmer als Belang­losigkeit, was in dieser oberflächenfixierten Branche schon ziemlich bemerkenswert ist. Und es ist wiederum interessant, dass Kier wirklich jeder trivialen Rolle in jeder noch so miesen Trash-Produktion das Belanglose nehmen kann und jeder noch so irren Filmfantasie das Lächerliche. Um ein paar Beispiele zu nennen, allein schon, weil die Aufzählung so großen Spaß macht:

In Andy Warhols »Dracula« spuckte er literweise Blut, in dem französischen Erotikschocker »Die Geschichte der O« versklavte er Frauen. In Lars von Triers Krankenhausserie »Hospital der Geister« spielte er ein monströses Baby. Für Madonnas »SEX« ritt er im Smoking auf nackten Männern, »weil sie das so wollte«, wie er sagte. In dem Blockbuster »Armageddon« gab er den NASA-Psychologen und in dem Science-Fiction-Film »Iron Sky« Wolfgang Kortzfleisch, den hüstelnden Anführer einer Nazikolonie. Udo Kier ist mal schön, oft diabolisch, häufig flamboyant und gerne mal durchgeknallt. Was er aber immer ist: voller Würde. Aber wie wird man eigentlich Udo Kier?

Schwer zu sagen. Weil Kier so viele obskure Lebensgeschichten in sich vereint. Geboren wurde er am 14. Oktober 1944 in Köln-Lindenthal als Udo Kierspe. Er wuchs in Armut auf, seine Mutter wünschte sich, dass er etwas Vernünftiges lernt, also machte er eine Lehre zum Großhandelskaufmann. In dieser Zeit lernte er Rainer Werner Fassbinder kennen, die beiden Teenager trafen sich ab und an in einer Kölner Arbeiterkneipe, die auch vom Rotlichtmilieu frequentiert wurde. Was aus den beiden mal werden würde, konnte damals noch niemand ahnen. Nach der Lehre stand Kier erst mal bei Ford am Fließband, mit dem dort verdienten Geld ging er nach London, um endlich Englisch zu lernen. Das hätte er gern schon auf dem Gymnasium getan, aber für den Besuch einer höheren Schule reichte das Geld von zu Hause nicht. In London – da war er 19 – wurde er schließlich entdeckt und eingeladen, in Frankreich einen Kurzfilm zu drehen. Danach stand in den Zeitungen, Kier sei das »New face of cinema« und später, er sei »The most beautiful man in the world«. Steile Karriere, könnte man sagen, es kommt aber noch extremer. 

In London ging er in einen Nachtclub, wo Prominenz verkehrte, »um es mal zu sehen«, wie er erzählte. Kier trank ein Glas für sich allein. Ein Kellner kam und sagte: »Herr Visconti möchte Sie gerne zu einem Champagner mit Herrn Nurejew einladen.« Mit den Namen konnte Kier wenig anfangen, in jedem Fall sagte er, der Herr solle doch bitte selbst kommen. Das Ergebnis ist ein Foto mit Kier, Visconti, Nurejew und Helmut Berger, der trieb sich an dem Abend auch da herum. Später zog Udo Kier nach Rom, traf während eines Fluges nach München Paul Morrissey, der Filme für Andy Warhol machte. Ein paar Wochen später kam das Angebot für die Hauptrolle in Warhols »Frankenstein«, 1973 war das. Der Durchbruch kam dann 1991 mit Gus Van Sants »My Own Private Idaho« an der Seite von River Phoenix und Keanu Reeves. Natürlich sprach Kier auch da nicht vor, Gus Van Sant flog zu ihm nach Berlin. Wie gesagt, schon eine dieser Geschichten würde für eine Person reichen. Aber bei Kier ist alles immer ein bisschen größer als das Leben.

Vor etwa dreißig Jahren zog Kier dann endgültig in die USA. Nicht unbedingt, um dort sofort berühmt zu werden, sondern »um mal zu sehen, wie das funktioniert«, wie er meinte. Los Angeles lag ihm nicht, das Filmgeschäft (…)

→ Das gesamte Interview lesen Sie jetzt in der rampstyle #29.

Wiebke Brauer

Wiebke Brauer

Textchefin ramp & freie Autorin
Glückliche Kindheit auf dem Rücksitz eines schwarzen Mercedes-Benz /8 und einer dunkelblauen 123er Limousine. Nach dem Abitur Studium der Anglistik und der Germanistik im ersten Hauptfach mit dem Schwerpunkt Medienkultur. Ihr erstes Auto: ein Citroën 2CV, weitere Klassiker auf zwei und vier Rädern folgen. Interessiert sich darüber hinaus für Themen aller Arten und arbeitet seit 2016 vogelfrei, wie sie selbst sagt. Unter anderem für Spiegel Online, auto, motor und sport, Motor Klassik, Fuel und den Stern. Und der Zeitschrift ramp ist sie mehr als zugetan.
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