Warum sollte also ausgerechnet die Luft im Innenraum bedeutungslos sein? Zumal das Automobil längst einen seiner berühmtesten Gerüche hervorgebracht hat. Den Neuwagengeruch.
Für Generationen von Autofahrern roch er nach etwas Besonderem: nach neu, unberührt, vielleicht auch ein wenig nach Stolz. Chemisch betrachtet ist die Sache weniger poetisch. Der typische Geruch eines neuen Autos entsteht zu einem wesentlichen Teil aus flüchtigen organischen Verbindungen, die von den unterschiedlichen Materialien im Innenraum abgegeben werden. Der vielleicht berühmteste Autoduft der Welt war also gar nicht als Duft gedacht.
Und genau an diesem Punkt beginnen die eigentlichen Fragestellungen.
Denn was geschieht, wenn der Geruch eines Autos nicht mehr nur Ergebnis seiner Herstellung ist? Wenn Designer beginnen, auch diese Ebene des Innenraums bewusst zu gestalten? Und überhaupt: Kann man eine Marke riechen?
Nicola Farina beschäftigt sich beruflich mit genau dieser Frage. Er ist Parfümeur und Duftexperte bei Nose & Partner. Das Unternehmen entwickelt individuelle Duftkompositionen für Marken und Räume. In seinem Labor stehen 2.000 bis 3.000 Materialien bereit, im Alltag arbeitet er mit etwa 200 bis 300 davon. Eine neue Komposition entsteht über Mischungen, Tests und Korrekturen; 40 oder 50 Versuche sind keine Seltenheit, manchmal dauert die Entwicklung ein Jahr.
Parfümeure sprechen von Kopf-, Herz- und Basisnoten. Einige Eindrücke sind sofort präsent und verschwinden schnell wieder, andere entwickeln sich erst mit der Zeit und bleiben.
So betrachtet ist die Parallele zum Automobildesign gar nicht so weit hergeholt. Auch ein Auto erschließt sich in Schichten. Zuerst sehen wir seine Silhouette. Dann entdecken wir Flächen, Materialien und Details. Schließlich kommen jene Eigenschaften hinzu, die erst nach Stunden oder Tagen auffallen.
Farina beschreibt Duft deshalb als eine unsichtbare Gestaltungsebene. Im besten Fall kann er zu einer Art olfaktorischer Signatur werden – einem Wiedererkennungsmerkmal, das nicht gesehen oder gehört werden muss. Marketingabteilungen mögen dafür den Begriff „olfaktorisches Logo“. Das klingt ein wenig, als bräuchte demnächst sogar die Nase ein Corporate-Design-Handbuch. Ganz abwegig ist die Idee allerdings nicht.