Das wilde Lenken

Ein Besuch bei Schindelhauer in Berlin – und ein Gespräch über pure, konsequente Ideen und wie man diese glaub-würdig bis zum E-Bike weiterentwickelt.

  • Text & Fotos
    Matthias Mederer · ramp.pictures

Erst mal einen Kaffee. »Schindelhauer« steht auf der Packung mit den gerösteten Bohnen. »Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es gibt hier einige mit einem kleinen Kaffee-Tick.« Stephan Zehren schmunzelt. In bester Barista-Manier bereitet er eine Tasse Kaffee zu. Die Idee mit der Schindelhauer Röstung kam über den Kontakt zu einer Rösterei aus dem Viertel zustande. »Der Verkauf läuft noch schleppend.« Zehren lacht. Natürlich wollen sie bei Schindelhauer nicht ins Kaffeegeschäft einsteigen. Aber die Kooperation mit der Kiezrösterei von nebenan, die freut ihn. Zehren setzt sich zu den anderen an einen schweren Holztisch. Die anderen, das sind Manuel Holstein, Jörg Schindelhauer und Martin Schellhase – zusammen mit Stephan Zehren haben sie das Unternehmen vor zehn Jahren gegründet.

Es ist Sommer. Die Sonne drückt mit aller Kraft in die dritte Etage des Gebäudekomplexes in Berlin-Kreuzberg. Zur Spree ist es ein Steinwurf. Der Ostbahnhof ist mit dem Fahrrad nur fünf Minuten entfernt. Hier am Holztisch, wo die vier Gründer Platz genommen haben, wird alles besprochen, was die Firma betrifft: neue Produktentwicklungen, strategische Entscheidungen, Änderungen an bestehenden Modellen, Marketing, Vertrieb, Service – was eben gerade der gemeinsamen Klärung bedarf. Das alles wirkt sehr entspannt hier. Die vier sind den Temperaturen entsprechend lässig mit Shirt und Shorts bekleidet, der eine oder andere läuft barfuß durchs Büro. Aber das ist nur der erste, flüchtige Blick. Denn in der Luft liegt neben Kaffeeduft vor allem Konzentration. So zielgerichtet, wie sie ihr Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren Schritt für Schritt weiterentwickelt haben, diskutieren sie hier ihre Themen.

»Wir sitzen regelmäßig zusammen und tauschen uns zu den Entwicklungen auf dem Markt aus, diskutieren Trends, Technologien, aber auch Städte-politische Entscheidungen zur urbanen Mobilität«, erklärt Jörg Schindelhauer. »Diese Meetings finden immer auf der Basis einer Vorrecherche statt. Die schicke ich den anderen als eine Art Memo vorab.« Das klingt nicht nur gründlich – es entspricht dem Grundgedanken der Firma, seiner DNA. »Wir sind schon super Produkt-fokussiert und suchen immer nach neuen, spannenden Innovationen«, bestätigt Manuel Holstein. Aber das verlangen sie auch von sich, schließlich sind Schindelhauer Bikes eher im hochpreisigen Segment angesiedelt. Dabei gehe es ihnen aber nicht darum, eine Welle der Aufmerksamkeit zu erzeugen. »Wir wollen einfach nachhaltige, lang haltbare und wartungseinfache Räder bauen. Das ist unser Anspruch«, erklärt Manuel Holstein. Dabei ist es mehr als hilfreich, dass die vier Gründer Spaß an technisch sinnvollen Details finden. Eine ihrer vielen Gemeinsamkeiten. »Technisch nerdy«, nennt Holstein das.

Gestartet ist die Firma an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Ende 2012 dann der Umzug nach Berlin-Kreuzberg, mitten hinein in eine der angesagtesten Metropolen der Welt – und in eine Stadt der Fahrräder. Der Begriff »Streetcredibility« bekomme in diesem Zusammenhang eine ganz andere Tragweite und Glaubwürdigkeit, denn jeder im Büro fährt fast das ganze Jahr über mit dem Rad zur Arbeit. Die Gründe für einen Umzug waren vor allem auch privater Natur. Stichwort Lebensqualität. »Das fängt schon beim Angebot fürs Mittagessen an«, sagt Zehren und schaut reflex-artig auf die Uhr. Es ist erst kurz nach elf Uhr.

Natürlich, und auch in dieser Angelegenheit sind sich die vier Gründer einig, beflügelt der Standort Berlin.

Das Credo: Lass weg, was du nicht wirklich brauchst.

Man lebt mitten am Puls der Zeit, sagt Manuel Holstein. Das helfe vor allem, verschiedene Strömungen besser kanalisieren und bewerten zu können. Ganz zu schweigen davon, diese Strömungen überhaupt rechtzeitig wahrzunehmen. Denn am Ende ist ein Schindelhauer Rad vor allem auch ein Bike für die Stadt. Dabei sind die vier immer auch die ersten Testfahrer. Wie viele Kilometer jeder pro Jahr abreißt, können sie nicht beziffern. So an die 5.000 werden es aber schon sein. »Eher mehr.«

Kurzlebige Trends sind dabei nicht die Sache von Schindelhauer. Im Gegenteil. »Ich würde mich sogar ein bisschen als Konsumverweigerer bezeichnen«, gibt Jörg Schindelhauer zu, ohne gleich einen neuen Zeitgeist beschwören zu wollen. Dinge bewusst und mit nachhaltigen Absichten auswählen. Darum gehe es. »Und lass weg, was du nicht wirklich brauchst!« Ein radikaler Ansatz. Den die Gründer allerdings von Anfang an verfolgten. Dazu gehört der Zahnriemenantrieb, weil verschleißarm, und das »Singlespeed«-Modell, ein Fahrrad ohne Gangschaltung, welches von den vier Gründern in der Stadt als Fortbewegungsmittel bevorzugt und regelmäßig in Form von neuen Modellen weitergedacht wird: »Simpel, reduziert, sportlich«, wie sie es für sich auf den Punkt bringen.

Lässt sich daraus ein modernes Luxusverständnis ableiten? Kurz werden ein paar Blicke quer über den Tisch getauscht, doch im Grunde ist man sich bei diesem Thema sehr einig. Es gehe immer um die Qualität. »Als wir mit den Modellen Viktor und Siegfried anfingen, war ein Kaufpreis von weniger als 1.000 Euro unser Ziel«, sagt Schindelhauer. Aber: »Das haben wir nicht geschafft.« Denn als am Ende alle Komponenten beisammen waren, ergab sich ein Verkaufspreis von 1.090 Euro. »Wir wollten und wollen eine gewisse Qualität erreichen, und darunter gehen wir nicht. Das hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun. Nimmt man günstigere Fahrräder auseinander, merkt man sehr schnell, wo an der Qualität einzelner Komponenten gespart wurde. Diese Teile gehen dann rasch kaputt und der Kunde hat ständig Ärger mit seinem Produkt. Das wollen wir schlichtweg nicht.« An dieser kompromisslosen Haltung hat sich bis heute nichts geändert. Die Produktpalette selbst ist allerdings deutlich aufgefächert.

Der Antrieb: Die Freude, Menschen aufs Fahrrad zu bringen.

Man betrachte die Dinge heute – mit Ende Dreißig – dann doch etwas reflektierter als noch vor zehn Jahren, sagen sie. Plötzlich geht es auch um die großen Zusammenhänge. Es geht um urbane Mobilität, wie sie praxisnah, effektiv und nachhaltig umgesetzt werden kann – und wie man dabei den Spagat zwischen Vernunftdenken und Spaßempfinden hinbekommt. Stephan Zehren, studierter Industriedesigner, erklärt das so: »Am Anfang hatten wir den Standpunkt: Schutzbleche an einem Schindelhauer? Geht nicht! Keine Chance! Oder Gepäckträger. Das war kein Thema. Aber irgendwann wurde es relevant, weil wir merkten, dass sich die Kunden das selber dranbauen. Daraufhin haben wir unsere Haltung hinterfragt und gedacht: Man kann das mit den Schutzblechen sicher auch schön gestalten …«

Wenn es schon um urbane Mobilität und Ästhetik geht, liegt es an dieser Stelle nahe, nach E-Bikes zu fragen. Jörg Schindelhauer antwortet als Erster: »Ich glaube, man wird mit dem Alter im Kopf ein bisschen flexibler. Bei mir – ich glaube bei uns allen – führte das dazu, dass wir verstanden, dass wir nicht nur Fahrräder für uns bauen, sondern sehr genau hinhören sollten, was unsere Kunden und Händler sagen. Uns ist vor allem wichtig, dass wir, egal was wir entwickeln und bauen, unserem Stil treu bleiben. Konkret für das E-Bike bedeutet das, dass wir uns schon seit einigen Jahren mit dieser Technologie beschäftigen und immer wieder feststellten, dass wir mit den zu dieser Zeit zur Verfügung stehenden technischen Mitteln keine unseren Ansprüchen entsprechende Lösung entwickeln konnten. Dann probierten wir es wieder.« Martin Schellhase springt ihm bei: »Man muss dazu sagen, dass sich die Komponenten für ein E-Bike in den vergangenen Jahren deutlich verkleinerten. Allein die Motoren. Noch vor Kurzem waren das richtige Klötze. Mittlerweile sind die aber so kompakt geworden, dass wir sagten, okay, hier schaffen wir es jetzt, alle technisch notwendigen Komponenten ästhetisch in unsere Formensprache zu integrieren. Und das wird in Zukunft noch besser.« Über das Thema E-Bike spricht man bei Schindelhauer sehr offen. Stephan Zehren gibt zu, dass das erste Modell, welches jetzt auf den Markt kommt, sehr großvolumig angesetzt ist. »Normalerweise will man es optisch komplett verbergen, dass es ein E-Bike ist. Wir haben jetzt eine Lösung gefunden, der man zwar ansieht, dass es sich um ein E-Bike handelt, aber bei der man sagen kann, dass es eine sehr gute und schöne Umsetzung ist. Das war ein langer Prozess, bei dem viele Ideen verworfen wurden.« Martin Schellhase fasst zusammen: »Wir machen nichts, was nicht zu Schindelhauer passt.«

Das wirft zwangsläufig die Frage auf, welche No-Gos es denn tatsächlich noch gibt. Plötzlich entwickelt sich eine rege Diskussion. Dabei entfernt sich das Gespräch von dem, was nicht geht, und kreist um ein viel zentraleres Motiv: »Es macht einfach Spaß, die Menschen aufs Fahrrad zu bringen«, sagt Zehren irgendwann.

Matthias Mederer

Matthias Mederer

Redakteur & Fotograf
Ein Auto. Eine Kamera. Einen Fahrer. Die Location? Gerne eine Stadt wie New York, Kapstadt, Berlin oder Tokio. Wenn obendrein noch ein Taifun durchzieht, sind die Rahmenbedingungen nahezu ideal. Matthias Mederer flucht dann zwar wie ein schlecht erzogener Bare-Nuckle-Fighter, liefert aber auch. Pflicht und Kür. Sein Stil: cineastisch. »Im Grunde geht es bei mir zu, wie in einem harmlosen Tarantino-Film: guter Soundtrack, ein paar verrückte Dialoge und mit ein paar kleinen Tricks prägt am Ende vor allem die Story.« Nun ja, und schreiben kann er auch mehr als beachtlich.
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