»Mit Bubenkultur meine ich eine Art locker-übermütige, leicht provokante Männlichkeits- oder Jugendkultur, die sich oft in Hobbys, Autos, Sprüchen oder Accessoires ausdrückt«, antwortet Tante Ursula, »es ist keine offizielle Bezeichnung, sondern eher eine eingedeutschte Umschreibung von etwas wie das englische Lad Culture. In diesem Kontext passt das Auto-Cojones-Phänomen perfekt: eine kleine, ironische, männlich-übermütige Geste, die gleichzeitig Humor und eine Art Coolness ausdrückt. Wenn Du willst, kann ich noch ein paar weitere typische Auto-Accessoires aus dieser Bubenkultur auflisten, die ähnlich funktionieren. Willst Du das?«
Nein, danke. Ich möchte stattdessen auf etwas anderes hinweisen. Nämlich dass durch die Anbringung von Plastikeiern an ein Automobil ein symbolischer Akt der prometheischen Emanzipation vollzogen wurde. Das heißt: Der Maschinencharakter wird verneint. Eine Maschine hat keine Eier. Ich verwende diesen Begriff der prometheischen Emanzipation hier als Gegenbild zum berühmten Konzept des Philosophen Günther Anders, der vor einem halben Jahrhundert in seinem Werk »Die Antiquiertheit des Menschen« den Begriff »prometheische Scham« ins Spiel brachte. Damit meint Anders ein neuartiges Schamgefühl des Menschen im Zeitalter der Technik: ein Minderwertigkeitsgefühl des Menschen gegenüber den von ihm selbst geschaffenen technischen Artefakten, den hoch entwickelten Maschinen, die so viel präziser, leistungsfähiger, fehlerfreier sind als er selbst. Der Mensch ist durchaus nicht fehlerfrei, auch nicht vernünftig, sondern in seinen Handlungen und Wahrnehmungen in Leiblichkeit und Gefühlszustände gehüllt, weshalb wir dann beispielsweise dazu neigen, Dinge zu emotionalisieren. Oder zu vermenschlichen. Ich habe ja auch Ursula einen Namen gegeben. Das Wunderbare daran ist, dass diese Anthropomorphisierung der Maschine dem prometheischen Schamgefühl entgegenwirken kann. Ein Auto ist dann auch nur ein Mensch.