Life & Style

Future to Go

Am 29. Januar 1886 meldet Carl Benz sein »Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb« zum Patent an. Die Patentschrift DRP 37435 ist somit auch die Geburtsurkunde des Automobils. Im Juli 1886 berichten die Zeitungen über eine erste öffentliche Ausfahrt des dreirädrigen Benz Patent-Motorwagens, Typ 1. Diesen »Geburtstag« nimmt Chefredakteur Michael Köckritz zum Anlass, in die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft zu schauen.

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    Michael Köckritz
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    Daimler AG

Das mit dem Neuerfinden ist so eine Sache. Denn »neu« bedeutet ja dummerweise nicht unbedingt, dass die Angelegenheit dann auch automatisch und womöglich sogar nachhaltig funktioniert. Oder gar im besten innovativen Sinne zukunftsweisend ist. Und wie erkenn- und planbar sich dann so eine Zukunft überhaupt geben will, ist die nächste gute Frage.

Und jetzt?

Mal sehen, wer einen Plan hat und wo ein paar Anregungen lauern könnten.

Der 3. Juli 1886 sollte sich im Nachhinein als kein guter Tag für die Branche der Pferdekutscher und Droschkenhersteller erweisen. Streng genommen war es für sie sogar ein ziemlich blöder, und alles nur, weil der Ingenieur Carl Benz an diesem Tag mit dem Benzin-Motor­wagen Nummer 1 stolz durch Mannheim knatterte, damit das Auto mit Verbrennungsmotor offiziell in die Welt brachte – und mit dieser revolutionären Technologie den baldigen Untergang ihrer ganzen Branche einleitete. Aber so ist es eben mit diesen Ideen, die die Welt verändern.

»Disruption« lautet das Fachwort für solche umstürzlerischen Erfindungen, die bestehende, traditionelle Geschäftsmodelle, Produkte, Technologien und Dienstleistungen verdrängen oder sogar pulverisieren, und kein Wunder, dass insbesondere die Start-up-Szene diesen Begriff zum Spirit erhebt und vergnüglich atmet. Mit grundsätzlicher Aussicht auf Erfolg. Disruption ist nämlich nicht nur Begriff, sondern Prinzip. Von so einer existenzberaubenden Revolution bedroht ist jede noch so erfolgreiche Geschäftsidee und jeder noch so erfolgreiche Anbieter, vor allem dann, wenn sich diese an den aktuellen Bedürfnissen der Kunden und nicht an den zukünf­tigen orientieren. Außerdem ist es für die etablierten Unternehmen geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, ihr Geschäftsmodell so einfach von Grund auf zu verändern. Flexibler sind da die Neugründer. Die haben wenig zu ver­lieren und viel zu gewinnen, erklärt der Harvard-Professor Clayton Christensen, der die Theorie der Disruption 1997 entwickelt hat. Neue Märkte entstehen zudem für die etablierten Unter­nehmen meist unerwartet. Aufgrund eines zunächst kleinen Volumens und ­Kundensegments sind diese für sie wenig reizvoll. Disruption als »The ­Innovator’s Dilemma«.

Der 3. Juli 1886 sollte sich im Nachhinein als kein guter Tag für die Branche der Pferdekutscher und Droschkenhersteller erweisen.

Streng genommen war es für sie sogar ein ziemlich blöder.

Die Optionen und Erregungsmuster des digitalen Zeitalters in einer ohnehin rauschhaft übernervösen Welt, die drängenden Notwendigkeiten, die das Bewusstsein für begrenzte Ressourcen und ein konsequentes Nachhaltig­keitsdenken einfordern, dazu reihum ­disruptive Start-up-Eruptionen – alles darf, will, muss sich also gerade schleunigst neu erfinden. Für eine Zukunft, die keiner kennt, außer vielleicht eine Reihe von Experten, die aber gar nicht wissen, dass sie Experten für die Zukunft sind, was gut ist, weil sie in dem Moment, in dem sie meinen, Experten zu sein oder gar sein wollen, sehr wahrscheinlich schon wieder prächtig mit ihren Prognosen danebenliegen werden, was jetzt vielleicht so spitz formuliert etwas verwirrend klingt, aber ganz einfach in einer Aussage auf einen Punkt gebracht werden kann: Wenn es um die Zukunft geht, sind die gegenwärtig gängigen Experten leider eher wenig treffsicher. »Ein Schimpanse, der mit Pfeilen auf eine Dartsscheibe wirft, hat eine genauso große Trefferquote wie unsere sogenannten Experten«, hat es der Psychologieprofessor und Prognoseforscher Philip Tetlock vor einigen ­Jahren als Fazit einer Studie formuliert.

20 Jahre lang hatte Tetlock über 80.000 Prognosen von 284 Analysten aus Fernsehen, von Behörden und Institutionen nachverfolgt und ausgewertet. Eine Erklärung für das ernüchternde Resümee liefert Tetlock gleich mit: Experten greifen gerne und mit einem ent­sprechend starken Ego auf ihr bewährtes Spezialwissen und auf die hier gelernten Erklärungsmuster zurück, dazu ein empfangsbereites Publikum, das selbstbewusst platzierte, einfache Wahrheiten liebend gerne annimmt. Man freut sich ja über Orientierung. An der Wirk­lichkeit müssen sich solche Experten ent­sprechend selten messen lassen. Die Spezialisten, die einen Ruf zu verlieren haben, neigen im Übrigen besonders dazu, sich selbst zu überschätzen.

Experten greifen gerne und mit einem ent­sprechend starken Ego auf ihr bewährtes Spezialwissen und auf die hier gelernten Erklärungsmuster zurück, dazu ein empfangsbereites Publikum, das selbstbewusst platzierte, einfache Wahrheiten liebend gerne annimmt.

Tetlock hat aber auch einen Lösungs­vorschlag parat. Über vier Jahre lang untersuchte er in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst, wie Vorhersagen von politischen und ökonomischen Entwicklungen verbessert werden können. Erste Ergebnisse enthält sein Buch »Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose«, das Tetlock mit dem Journalisten Dan Gardner geschrieben hat. In Tetlocks Forschungsprojekt gaben mehr als 28.000 Probanden, da­runter ein pensionierter Programmierer aus Kalifornien, ein Militärhistoriker aus New York und eine Sekretärin aus Alaska, Prognosen zum aktuellen Weltgeschehen ab. Anschließend berechneten die Forscher die Trefferquoten der Teilnehmer und entdeckten, dass einige von ihnen tatsächlich signifikant besser als alle anderen vorhersagen können, was passieren wird. Wie das?

Entscheidend für den Prognose-Vorsprung dieser »Superforecaster«, so die Autoren, ist nicht etwa die (meist etwas höhere) Intelligenz oder das Vorwissen der Freizeit-Analysten, sondern eine Denk- und Arbeitsweise, die jeder annehmen und trainieren kann. Die Superprognostiker sind neugierig und offen, lernbereit und kreativ, greifen auf unterschiedliche Informationsquellen zu. Sie ( . . . )

Lesen Sie den gesamten Essay von Michael Köckritz in der rampstyle #27 »By the Way«.
Michael Köckritz

Michael Köckritz

Chefredakteur
Als Journalist, Autor, Künstler und Medienmacher gelingt es Michael Köckritz immer wieder, mit gut gelaunter Leichtigkeit ebenso aufmerksamkeitsstarke wie nachhaltig anregende Impulse zu setzen – im Kontext von Zeit- und Zukunftsthemen ebenso wie in Lifestyle- und Luxuswelten. Als Herausgeber und Chefredakteur realisierte er gleich eine ganze Reihe von frisch gedachten Buchprojekten und Lifestyle-Magazinformaten, die seit Jahren regelmäßig mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet werden. Das Autokulturmagazin ramp, das Männerlifestyle-Magazin rampstyle und das Designmagazin ramp.design erscheinen international und gelten als stilbildend.
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