Was kam bei dem Vergleich heraus?
Wenn dort ein SL oder eine S-Klasse vorgestellt wurde, präsentierte man konsequent alle vorangegangenen Generationen. Dadurch wurde visuell dargestellt, dass Design sich kontinuierlich weiterentwickelt – Evolution durch Perfektion. Das wird auch heute noch so gemacht, ob nun bei Mercedes-Benz oder bei Porsche. In Italien funktioniert das völlig anders. Man springt von den 1950er-Jahren mit dem 3500 GT in die 1960er-Jahre zum Ghibli, von dort in die 1970er-Jahre zum Bora und dann weiter in die 1980er- und 1990er-Jahre mit Biturbo und Shamal. Es gibt keine lineare, über Jahrzehnte verfeinerte Kontinuität. Die einzige Konstante ist, dass jede Generation das gestalterisch Machbare ihrer Zeit ausgereizt hat. Man hat sich nie zurückgenommen und gesagt: Wir würden das gerne machen, wir könnten es technisch auch, aber unsere Designgeschichte lässt es nicht zu. Mir wurde schnell klar, warum Maserati in relativ regelmäßigen Abständen – alle zehn bis 20 Jahre – sein Design so radikal verändert hat. Für mich bedeutete das eine enorme Verantwortung, aber auch Freiheit, das zu machen, wofür wir stehen wollten.
Wenn Sie sagen, dass Maserati immer das Beste im Moment gemacht hat, waren das dann – provokativ formuliert – Trends?
Lassen Sie uns das anhand der Jahrzehnte durchgehen. In den 1950er-Jahren entstanden wunderschöne Formen – Nachkriegszeit, geprägt von Fertigungsmethoden aus dem Flugzeugbau. Man hämmerte Aluminium über Holzrahmen, die Zeichnungen entstanden fast architektonisch am Draftboard. In den 1960er-Jahren wurde der Ghibli möglich, weil sich die Technologie verändert hatte: Zum ersten Mal konnte gewölbtes Glas in die Tür versenkt werden, die Seiten konnten flacher werden – nicht nur Stil, sondern Technik. In den 1970er-Jahren setzte sich das Mittelmotor-Layout durch; Maserati gehörte gemeinsam mit De Tomaso zu den Ersten, die dieses neue Package mit einer damals radikal scharfen Linienführung verbanden. Ferrari war zu der Zeit noch fast ausschließlich im Frontmotor-Segment unterwegs. Für mich ist das die Michelangelo-und-da-Vinci-Phase der automobilen Renaissance. In den 1980er-Jahren kollidierten Ölkrise und eine neuer Pragmatismus: kompaktere Autos, integrierte Kunststoffstoßfänger, effizientere Packages – der Biturbo ist ein Beispiel. In den 1990er-Jahren kam die digitale Zeichnung: Photoshop, frühe Studio-Tools. Dadurch wurden extrem weiche Formen möglich, besonders im Interieur. Und heute überschneiden sich drei große Kräfte: Technologie, Design und Gesellschaft. Elektromobilität verändert Packages radikal, AI öffnet neue kreative Räume, und zugleich wandelt sich das Verständnis von Luxus. Zum ersten Mal in der Geschichte verändern sich alle drei Ebenen gleichzeitig.