Wir müssen erst mal über Exactitudes reden. »Exactitudes« ist der Titel eines dekadenlangen Fotoprojekts des niederländischen Künstlerduos Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek. Versluis und Uyttenbroek fotografierten seit den 1990er-Jahren Menschen in identischer Pose vor neutralem Hintergrund und ordneten sie nach phänotypischen Gemeinsamkeiten zu Kohorten der spätmodernen Gesellschaft: Wirtschaftsanwälte, Gabbers, Fitgirls. Zum Beispiel.
Das Phänomen, das Versluis und Uyttenbroek »Exactitudes« nennen, spiegelt ein paradoxes Muster wider: Menschen, die glauben, in ihrem Aussehen und Auftreten ihre Individualität und Unkonventionalität auszudrücken, können innerhalb ihres eigenen Milieus leicht verwechselt werden. Also: Alle Fitgirls sehen irgendwie gleich aus. Genau wie sämtliche Wirtschaftsanwälte. Menschen übernehmen visuelle Codes, um Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren, und unsere Zeit ist leider sehr bedürftig nach Zugehörigkeit, in der trivialerweise die Lösung für zahlreiche Selbstfindungsprobleme gesehen wird.
Exactitudes ist eine Art visuelle Anthropologie über Identität und Selbstausdruck, Subkulturen und Modezyklen. Es ist übrigens nichts Neues, dass die deklarierte Verfolgung von Individualität sichtbare Konformität produziert. »Living One’s Truth« heißt das komischerweise heute, mit jener unfreiwilligen Ironie, die ebenfalls ein Zeichen der Zeit ist. Aber im Grunde ist es nichts Neues. Im Grunde ist es zunächst die Dynamik der Mode überhaupt, die, wie der Soziologe Georg Simmel schon vor über hundert Jahren erkannte, auf ewig zwischen Nachahmung und Abgrenzung schwingt, zwischen Kollektiv und Individualität.
Simmel war ein unkonventioneller akademischer Denker, seiner Zeit voraus jenseits aller Trends des Denkens, aber selbstverständlich gibt es auch Moden des Geistes. Visuelle Gleichförmigkeit ist das eine, doch dabei bleibt es nicht, bleibt es nie. Das andere sind die Vorstellungsmuster der Gruppe, das Denken in Klischees und Konventionen, schon von der ebenfalls unkonventionellen Hannah Arendt als unselbständiges Denken erkannt. Und damit komme ich zur Rolex